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1 – Die Party
»Dunkelheit erhebe sich und die Hölle beherrsche den Ort. Aller einhundert Jahre sollst du dich nähren und laben am Angebot, das sich dir darbietet.« »Was soll der Scheiß, Richie?« Wütend stößt die geballte Faust gegen den Oberarm des jungen Mannes, der sich ungefähr so sensibel gibt, wie eine Pfanne mit heißem Öl. »Stille beherrscht das Haus, wie Fliegen einen Kadaver. Entseelt irrt sie von Raum zu Raum. Ihr Körper funktioniert, doch ihre Sinne und Gefühle sind längst in einer anderen Welt. Die Frau trägt ihre langen blonden Haare zu einem altmodischen Zopf geflochten und ein langes weißes Seidenkleid umschmeichelt ihre zarte Gestalt.« Mit dunkler Märchenerzählerstimme, die gleichfalls belustigt klingt, gibt Richie sich größte Mühe, die Begleitung zu ängstigen. »Hör auf mit dem Unsinn, du Blödmann!«, schimpft eine der beiden Frauen auf den Erzähler. Hannah und Helen schlottern vor Angst, während Richie die stadtbekannte Geschichte des berüchtigten Spukhauses wiedergibt. »Man erzählt, sie haben ihre eigenen Kinder getötet«, wirft Marc mit ebenso tiefer Märchenerzählerstimme ein. Der stets lässige Sunnyboy Marc mit dem braunen Wuschelkopf und den hohen Wangenknochen, mimt den Womanizer der Clique. Die grünen Augen im schmalen Gesicht prädestinieren ihn als Model für Werbespots. »Angeblich soll die Mutter die Kinder im Brunnen ertränkt haben. Wie traurig«, antwortet Hannah leise, senkt betroffen den Kopf. Die braunen Haare trägt sie heute offen. In feinen Wellen fallen sie ihr über die Schultern. »Und das nur, um die Kinder danach frisch angezogen an den Abendbrottisch zu setzen«, fügt Helen schaudernd hinzu.
Die braungebrannte Blondine ist Cheerleader-Kapitänin und trägt das auch offen zur Schau. Der knappe Rock und das enge Oberteil verbergen kaum etwas von ihren Reizen. Entgegen des an der Schule vorherrschenden Klischees ist Helen verdammt schlau. Man könnte sie als wandelnde Enzyklopädie auf zwei Beinen betiteln. Um ihre Beliebtheit weiterhin aufrecht zu erhalten, stellt sie sich dumm. An diesem Abend ist es ungewöhnlich still. Die Nacht ist klar, klirrende Kälte steigt vom Boden auf. Jedwedes Licht wird von der umgebenden Finsternis verschluckt. Die am Himmel funkelnden Sterne mimen stumme Zeugen der Warnung, die an jeden potentiellen Besucher appelliert, sich von dem imposanten Gemäuer fern zu halten, das bedrohlich in den sonst düsteren Himmel ragt, das seit vielen Jahren von keiner Menschenseele betreten worden ist. »Ich habe alles dabei«, unterbricht Richie das Gespräch der Mädchen. »Bier, Knabberzeug, ein bisschen Gras.« Im Gehen dreht er sich zu den Freundinnen um, stolpert und landet auf dem Allerwertesten.
Der Rucksack mit all dem wertvollen Gut scheppert bedrohlich. »Ihr müsst nur sagen, was ihr braucht, Ladys«, bringt Richie gepresst, zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. Die Mädels kichern, während sie weiter gehen. Mitten auf dem weitläufigen Gelände, vom verrottenden Lattenzaun umgeben, ragt Whitehall Mansion wie ein Mahnmal, das es nicht zu entweihen gilt, auf in die Dunkelheit. Das Fundament rußgeschwärzt, zerbrochene Fenster im Obergeschoss. Stellenweise zieren verwitterte Pappaufsteller und aufgeweichte Broschüren das Grundstück, die von erfolglosen Versuchen zeugen, das Anwesen an einen neuen Besitzer zu vermitteln. »Vielleicht ist das doch keine so gute Idee«, kuscht Helen mit niedlicher Kleinmädchenstimme, in der ein ängstlicher Unterton schwingt. Sie zittert und hat kein gutes Gefühl bei ihrem Vorhaben. »Ach sei nicht so ein Weichei, Blondie.«
Mit stolz geschwellter Brust schreitet Marc voran. »Außerdem ist euer starker Beschützer jederzeit zur Stelle.« Er salutiert vor ihr. Helen kichert. »Reißt euch zusammen, Leute. Das wird die beste Party, die Gardens Hollow je gesehen hat.« Selbstsicher blickt Richie in die Runde. »Und die vermutlich letzte, bevor wir uns alle zerstreuen.«
Den Schulabschluss haben die Freunde bereits in der Tasche, doch während die ersten Mitglieder ihrer Gruppe bereits die Bretter der Welt erkunden, konnten die Vier sich noch nicht aus ihrem alten Leben lösen. Das soll sich nach dieser letzten Party ändern. Das diesjährige Gespensterfest soll die vorangegangenen Events in den Schatten stellen. Seit jeher ist Halloween besonders für die Einwohner von Gardens Hollow. Ein bedeutendes Fest, dem jeder mit Eifer frönt. Vorgärten werden schaurig–schön geschmückt, ausschweifende Feste gefeiert und die Toten geehrt.
»Wusstet ihr, dass das Haus damals ein Museum war?« Unvermittelt bleibt Helen stehen, blickt ehrfürchtig an dem Gebäude empor. »Warum ist es das jetzt nicht mehr? Ich bin sicher, das Haus hat viel zu erzählen«, wirft Marc ein. »Häuser erzählen keine Geschichten«, tadelt Richie, der bereits vor den Stufen steht, die zur Veranda hochführen. »Wir Menschen sind es, die dem Mythos Leben einhauchen und die Legende weitertragen.« »Nachdem diese Tragödie damals passiert ist –« »Du meinst, nachdem die herzlose Mutter ihr eigen Fleisch und Blut umgebracht hat«, unterbricht Hannah erbost. Wenn hilflosen Geschöpfen Leid angetan wird, kann sie damit nicht gut umgehen. Das Helfersyndrom hat der jungen Frau mehr als einmal Schwierigkeiten bereitet. »Jedenfalls, nachdem diese Tragödie passierte, sorgte der damalige Bürgermeister Woody McAllister dafür, dass die betroffene Familie nicht in vergessen geriet und stellte das Haus unter Denkmalschutz. Er richtete ein Museum ein, um der Geschehnisse zu gedenken und daran zu erinnern, dass die Frau, die hier lebte, im Grunde ein guter Mensch war. Keiner hat jemals herausgefunden, warum sie plötzlich durchdrehte«, nimmt Helen den Faden wieder auf. »Vielleicht war sie einem Gift ausgesetzt?«, mutmaßt Hannah. »Dass dieser McAllister sich damals auch noch an dem Ganzen ergötzt und bereichert hat, fühlt sich nicht richtig an.« »Was diese Irre damals zu ihrer Tat trieb, werden wir wohl niemals erfahren«, meint Richie. »Ich meine, kommt schon, Leute. Welche Mutter schlachtet ihre eigenen Kinder ab, nur um sie anschließend zu umsorgen, als sei nichts passiert?« »Lasst uns das Thema wechseln.« Unwohl wendet Hannah sich ab.
»Warum wurde das Museum am Ende lahm gelegt und das Anwesen sich selbst überlassen?«, will sie dann doch wissen. »Woody McAllister hat Selbstmord begangen«, berichtet Helen, lässt diese Information einen Moment wirken. »In den Stadtarchiven steht, dass er sich in der Eingangshalle von Whitehall Mansion erhängt haben soll.« Erschrocken schnappen Hannah und Marc nach Luft. Kaum merklich tastet Marc nach ihrer Hand, doch diese geht nicht auf den Annäherungsversuch ein. »Und mein Hund ist mein Babysitter«, wirft Richie taktlos ein. »Nun kommt schon, wir wollen feiern.« Er rüttelt an der Vordertür, doch diese gibt keinen Millimeter nach. »Angeblich existiert ein Tagebuch, in dem der ganze Wahnsinn von Maggie Whitehall niedergeschrieben sein soll«, erzählt Helen weiter, legt die Hand auf das morsche Treppengeländer der Veranda. »Maggie Whitehall ist die durchgeknallte Mutter, nehme ich an?«, fragt Marc. Zur Bestätigung nickt Helen. Als Tochter des Stadtarchivaren hat sie Zugang zu sämtlichen Dokumenten über die Stadtgeschichte Gardens Hollows. »Hier kommen wir nicht rein«, stellt Richie verärgert fest. »Vielleicht gibt es einen Hintereingang.« Die kleine Gruppe geht um das Haus herum, das von Nahem noch weitaus bedrohlicher wirkt.
Kahle Bäume recken die Äste gen Himmel, das Gras unter ihren Füßen faulig. Sie passieren den verwitterten Brunnen, in dem brackiges Wasser steht und einen modrigen Geruch verströmt. »Wusste ich es doch.« Triumphierend deutet Richie auf die rußgeschwärzte Tür, die in die ehemalige Küche des Hauses führt. Ein Überbleibsel des Brandes von vor so vielen Jahren. Mit leichtem Zug gleitet die Tür mühelos quietschend auf. »Cool.« Mehr fällt Richie dazu nicht ein. Grinsend betritt er das Gebäude. Mit klopfendem Herzen folgen ihm die Freunde. Das Vierergespann findet sich in der ausgebrannten Küche wieder. An der gegenüber liegenden Wand türmen sich Schutt und Müll. Sie sind nicht die ersten Teenager, die sich Zugang verschafft haben.
Die Fenster sind geborsten, wurden von außen mit Brettern vernagelt. Innen am Boden befinden sich Reste der Scherben. »Wow, seht euch das an.« Ehrfurchtsvoll streicht Marc über die Überreste eines Tisches. »Hier müssen die Kinder gesessen haben.« »Was ist das für ein Geruch?« Schnüffelnd, mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust, reckt Hannah die Nase in die Luft. »Riecht irgendwie nach …« Helen tut es ihr gleich, bewegt sich dabei auf den türlosen Durchgang zu, der in den nächsten Raum führt. »Hühnchen und Popcorn.« »Hallo Freaks«, werden die Vier plötzlich überschwänglich begrüßt. »John, verdammt, hast du mich erschreckt.« Mit klopfenden Herzen fällt Helen dem jungen Mann um den Hals. John war vor ihnen im Haus gewesen, um Snacks und Getränke vorzubereiten sowie um für musikalische Unterstützung zu sorgen, was die anderen jedoch nicht wussten, da sie mit John nicht sonderlich gut auskommen.
»Was macht der Versager denn hier?« Mit vor der Brust verschränkten Armen mustert Richie den jungen Mann. »Er ist kein Versager, sondern mein Freund. Reiß dich ein bisschen zusammen und sei nett zu ihm«, tadelt Helen zischend. Seufzend setzt Richie den Rucksack ab und zieht das Gras daraus hervor. »Wer hat Bock auf Party?«, fragt er mit einem süffisanten Grinsen in die Runde. Bis die Party in Gang kommt, dauert es nicht lang. Die einst so imposante Eingangshalle dient als Tanzbereich, während im ehemaligen Wohnzimmer knutschende Teenager auf Decken und Kissen lümmeln, die am Boden platziert sind, als wären sie beim Picknick. Durch die vernagelten Fenster dringt kein Licht, obwohl der Mond hell und rund am Himmel steht. Das reichhaltige Buffet ist mit alkoholischen Getränken und Knabbereien bestückt, mit Finger Food aus dem örtlichen Diner und Popcorn. Für die Beleuchtung hat John ein Notstromaggregat herangeschleppt und behelfsmäßige Lampen aufgestellt, die die Eingangshalle in schummriges Licht tauchen. Laute Musik dröhnt aus Bluetooth betriebenen Lautsprechern, die zusätzlich über Verstärker laufen, sodass die jungen Leute Mühe haben, sich über die wummernden Bässe hinweg verstehen zu können.
»Vielleicht sollten wir uns auch zurückziehen. Ich hab da etwas, dass ich dir zeigen muss«, flüstert John in Helens Ohr. Doch diese schiebt ihn kichernd von sich. Sie ist so betrunken, dass sie sich kaum aufrecht halten kann. »Nein, John. Nicht hier. Nicht in diesem Haus.« »Wirklich«, meint John. »Ich habe etwas entdeckt, dass du sehen solltest.« Aufmerksam geworden folgt sie ihm aus dem Raum, weg von der feierwütigen Menge. Die Treppe, die in den Keller hinunterführt, knarrt und ächzt unter dem Gewicht der Teenager. Die plötzliche, vollkommene Dunkelheit löst in Helen ungewohnte Beklemmung aus. »Ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist«, stammelt sie unruhig. »Helen, komm schon. Es ist nur ein harmloser Keller und außer uns ist niemand hier. Was soll denn schon passieren.« Sanft nimmt er sie bei der Hand, führt sie vorsichtig Stufe um Stufe hinab. Johns Augen haben sich schnell an die dunklen Lichtverhältnisse gewöhnt. Unten angekommen schaltet er die Taschenlampenfunktion am Smartphone ein und beleuchtet den schmalen Gang, der im nächst größeren Raum mündet. Links und rechts des Korridors zweigen weitere Räume ab. Die meisten sind frei von jeglichen Hindernissen und ermöglichen einen Blick hinein, während hingegen zwei Räume vollständig verbarrikadiert sind. Der Putz blättert von den Wänden und der Decke. Die zum Vorschein kommende Grundsubstanz des Hauses ist von Schimmel und rostroten Flecken durchzogen. In den Ecken hängen Spinnweben, Staubpartikel schwirren durch die Luft. Es riecht modrig. Der Bereich ist unnatürlich warm, als würde eine Heizung auf vollen Touren laufen und den Keller erwärmen.
»Ich fühle mich unwohl, John.« Fest klammert Helen sich an Johns freien Arm. Trotz der Wärme friert sie. Kalter Schweiß rinnt ihr den Rücken hinab. »Lass uns umkehren, bitte.« »Nein, warte. Dort vorn ist es.« Sie betreten den Raum, in dem es stickig ist. Vor Staunen bleibt Helen der Mund offen stehen. Ein kühler Luftzug aus unbekannter Quelle lässt die junge Frau in der klammen Wärme frösteln. »Na, hab ich zu viel versprochen?« »Was ist das alles?« Ehrfürchtig bestaunt Helen, was sie vor sich sieht. Die Seiten des Raumes sind mit wandhohen Regalen voll gestellt. In der Mitte befindet sich eine Art Werkbank mit Ablagefläche für Bücher und sonstige Utensilien. Die freie Arbeitsfläche, vor der ein einfacher Holzstuhl steht, befindet sich ebenfalls im Raum. Mit dem eigenen Smartphone beleuchtet Helen die Umgebung. In den Regalen finden sich allerlei Bücher, von Spinnweben verhangen und mit Staub bedeckt. Einweckgläser mit undefinierbarem Inhalt sowie defekte Porzellanfiguren, die groteske schauerliche Figuren zeigen, zieren weitere Regalfächer. »Komm«, spornt John weiter an, führt Helen ans andere Ende des Raumes. »Ein Aquarium?« Irritiert blickt sie auf das Möbelstück, das schrecklich deplatziert wirkt, für dessen Alter erstaunlich gut in Schuss ist. Schmierige grünlichbraune Flüssigkeit benetzt den Boden des Wasserbeckens. Bei näherem Betrachten entdeckt Helen gelblich verfärbte Gegenstände in der Brühe, die an Hühnerknochen erinnern.
Angewidert rümpft sie die Nase. »Das ist noch nicht alles«, flüstert John in die Stille, der den Raum bereits zur Gänze durchquert hat und vor der Wand steht, die dem Korridor gegenüber liegt. Helen geht zu ihm hinüber. »Was ist das?«, fragt sie. »Eine Truhe. Es muss einen Weg geben, dieses verdammte Schloss zu öffnen.« Helen geht in die Hocke. Sie kann nicht benennen, was sie an dem Aufbewahrungsgegenstand stört. Plötzlich ertönt ein Knall. Erschrocken fährt sie zusammen, springt schnell auf die Füße und leuchtet den Raum ab. »Ich hab ihn gefunden.« Triumphierend hält John den Schlüssel in die Höhe. Das rote Band daran sieht neu aus. Das ist irgendwie zu einfach, denkt Helen, als John die Truhe öffnet. »Das darf doch nicht wahr sein!« Erschrocken schreit Helen auf. Mit spitzen Fingern zieht John einen der Gegenstände aus der Truhe hervor. Angeekelt verzieht er das Gesicht. Ein metallisches Klappern lässt beide vor Schreck zusammenfahren, woraufhin John den Gegenstand zurück in die Truhe fallen lässt. Mit einem Satz ist er wieder auf den Beinen und leuchtet in die Richtung, aus der das Geräusch kam.
»Was war das?« Angsterfüllt krallt Helen sich an seinen Arm. »Hallo?«, ruft John. »Ist da jemand?«
»Du weißt schon, dass jeder Horrorfilm mit diesen Worten anfängt.«
»Das ist aber kein Film. Da will uns bestimmt nur jemand Angst einjagen.«
Zum Ende des Satzes hin hebt John die Stimme. Von oben dringt kein Laut hinunter. »Komm und zeig dich, Kumpel. Das ist nicht komisch.« Lächelnd und vorerst beruhigt wendet sich Helen wieder der Truhe zu, um deren Inhalt genauer in Augenschein zu nehmen. Nach dem Schreck, hat sie sich schnell gefangen.
»Schau dir diese Listen an.« Vorsichtig, um nichts zu zerstören, zieht Helen das Papier aus der Truhe. Sehr darauf bedacht, die verrußte, blutverkrustete Kleidung nicht zu berühren, die darunter liegt. »Das sind Materiallisten.« Behutsam legt sie die Listen zurück, greift zu einem Stapel verblasster Bilder.
»Das scheint die Familie zu sein, die früher hier gelebt hat.« Ganz unten findet sie Schmuckstücke, ein in Leder gebundenes Buch sowie Einweckgläser mit milchigtrübem Inhalt. Unter der dreckverkrusteten Kleidung, blitzt etwas Glänzendes hervor. »Was zum –« Helen zieht den Gegenstand hervor. Von der sonst makellosen Schneide des Messers tropft rote zähflüssige Masse.
»Igitt, oh nein!« Sofort lässt sie das Messer fallen, als hätte sie sich daran verbrannt und rutscht auf dem Hosenboden von der Truhe weg. »Igitt, igitt, igitt«, jammert sie, das Gesicht zu einer Grimasse verziehend. »Das ist Blut und es ist frisch. Verdammt, John. Da ist frisches Blut an dem Messer. Wir sollten gehen, sofort gehen, John. Hörst du? John?« Apathisch wiegt Helen vor und zurück, die Knie mit den Armen fest umschlungen. Entsetzt wird ihr bewusst, was sie zuvor an der Truhe gestört hat. »Staub. John, da war kein Staub auf der Truhe. Jemand muss sie erst kürzlich geöffnet haben.« Stille.
»John?« Keine Reaktion. Mit pochendem Herzen horcht sie in die Stille hinein. Platschend tropft plötzlich Flüssigkeit auf ihre nackte Schulter, vermischt sich mit dem Schweißfilm, rinnt an ihrem Arm hinab. Sie hebt den Kopf, schaut nach oben und beleuchtet die Szene mit dem Smartphone. Mit leerem Gesichtsausdruck steht John über sie gebeugt, starrt wortlos auf sie herab.
»John?«, versucht Helen es erneut. Johns Miene eine unbewegte Maske. Unvermittelt rutscht der Kopf schmatzend von Johns Hals und landet dumpf auf dem Kellerboden, was in der Stille ohrenbetäubend klingt. Starr vor Entsetzen blickt Helen auf die Leiche ihres Freundes. Mit einem Satz ist sie auf den Beinen, schreit aus Leibeskräften.
Dies ist gewiss kein Streich. Warum nur, ist sie mit John in den Keller gegangen? Hätte sie dieses verdammte Haus doch nie betreten! Kreischend stolpert sie durch den Kellerraum, stürzt und rappelt sich wieder auf. Mit wild schlagendem Herzen flieht sie vor dem unsichtbaren Verfolger, rennt durch den Korridor auf die Kellertreppe zu. Der Partylärm dringt gedämpft zu ihr hinunter. Hilfe ist ganz nahe. Erneut schreit Helen aus voller Kehle. Irgendjemand muss sie doch hören. Sie erklimmt die ersten Stufen, hört Stimmen, die sich unterhalten. Am oberen Treppenabsatz kann sie ein Stiefelpaar erkennen, das rückseitig zu ihr steht. »Hilfe!« Helen stößt einen weiteren gellenden Schrei aus, doch das Stiefelpaar entfernt sich von ihr. »Hilfe!«, kreischt sie schrill, erklimmt drei Treppenstufen. Nur noch wenige Schritte, gleich geschafft. Ich muss die anderen warnen. Wir müssen hier weg, denkt sie noch, als sie mit ersticktem Aufschrei hart zu Boden geht. Sämtliche Luft wird ihr aus der Lunge gepresst. Sie ringt um Atem, stöhnt schmerzerfüllt auf. Die Hand, die das Smartphone hält, schlägt auf dem oberen Treppenabsatz auf. Das Telefon entgleitet ihr, rutscht klappernd die Treppe hinab. Scharfer Schmerz schießt ihr durch das Handgelenk, den Unterarm hinauf. Unversehens prallt Helens Kiefer auf die Treppenstufe. Sie spürt, wie die Zähne beim Aufeinanderprallen splittern. Benommen versucht sie sich aufzurichten und wird erneut zu Boden gestoßen. Jemand packt sie an den Haaren, reißt den Kopf hoch. Mit rasender Geschwindigkeit kommt die Treppenstufe auf sie zu. Mit lautem Knirschen und Knacken bricht ihre Nase. Blut strömt in einer Fontäne daraus hervor und besudelt den Untergrund. Erneut wird sie an den Haaren brutal nach hinten gerissen. Wieder sieht sie die Treppenstufe auf sich zurasen, während ihre Gesichtsknochen brutal zerschmettert werden und nur noch eine breiige Masse von dem einst so hübschen Gesicht übrig bleibt. Das letzte, was sie in ihrem Leben hört, ist das Gekicher zweier Teenies, die sich in die Dunkelheit zum Knutschen zurückgezogen haben und die wummernden Bässe der Party, an deren Planung sie monatelang mitgearbeitet hat.
Als der Morgen graut, erwacht Hannah mit üblen Kopfschmerzen aus dem komaartigen Schlaf. Das diffuse Licht schmerzt ihr in den Augen. »Verdammt, das Zeug nehme ich nie wieder«, schwört sie und schlägt die Hände beschämt vor das Gesicht. An den gestrigen Abend kann sie sich nur noch bruchstückhaft erinnern. Sie weiß, wie sie mit Marc getanzt und dessen Annäherungsversuche galant abgelehnt hat. Er wirkte verletzt, zeigte dennoch Verständnis. Dann suchte sie die tanzende Menge nach Helen ab, konnte sie jedoch nirgendwo entdecken. Sie erinnerte sich an Johns Faible für gruselige Orte und verlassene Häuser im Allgemeinen. Helen hatte irgendwann im Laufe des Abends erwähnt, dass John ihr im Keller des Hauses etwas hatte zeigen wollen. Danach hatte Hannah sie nicht mehr gesehen. Sie erinnerte sich, dass sie dort unten hatte nachsehen wollen, als Richie sie hinterrücks überfallen und erschreckt hatte. Er hatte sie überredet, mit ihm nach oben zu gehen, wo sie ungestört ein paar Pillen schmeißen und rauchen konnten.
»Großer Gott«, stößt Hannah verlegen hervor, als ihr die gesamte Tragweite dieses Unterfangens klar wird. »Verdammt!« Fröstelnd blickt sie an sich hinab. Nur in Unterwäsche bekleidet liegt sie auf der schäbigen Decke in einem heruntergekommen Raum mit kaputten Fenstern, die die kalte Morgenluft hereinlassen. Sie hofft inständig, dass sie nicht mit Richie intim geworden ist. Das fehlt noch. Meine Schwäche für Blödmänner wird mich eines Tages noch ins Grab bringen, denkt sie wütend auf sich selbst. Ihre Klamotten liegen verstreut in dem gammeligen Raum.
Den Kopfschmerz und die aufkommende Übelkeit ignorierend, sammelt sie diese auf und zieht sich an. Wenigstens wird es ein schöner Tag, denkt sie mit Blick aus dem zerbrochenen Fenster, wo sie die Sonne hinter den Hügeln aufgehen sehen kann. Sie erlaubt sich für den Moment, diesen Anblick zu genießen und in sich aufzunehmen. Tief atmet sie die frische Luft ein und verharrt. Warum dieses Anwesen an genau dieser Stelle errichtet worden war, kann sie in dem Moment gut nachvollziehen. Der Anblick ist einfach atemberaubend. Schon ertappt sie sich wieder dabei, wie sie an Richie denkt, was von seltsamem Kribbeln in der Magengegend begleitet wird. Sie wünscht, er wäre jetzt bei ihr, würde mit ihr den Sonnenaufgang genießen.
Vielleicht würden sie sich küssen und die vergangene Nacht Revue passieren lassen. »Oh nein«, stammelt sie, als ihr klar wird, was das bedeutet. »Bitte nicht.« Augenblicklich schießt ihr etwas Säuerliches die Kehle hoch. »Nie wieder Tequila«, sagt sie sich. »Wo steckt Richie?« Der Rucksack steht unangetastet neben der Tür. Das Grün leuchtet regelrecht in dem tristen, heruntergekommenen Raum. Von ihm hingegen keine Spur. Hannah schnappt sich den Rucksack und verlässt leise das Liebesnest. Bis auf das eigentümliche Knarzen, das solchen Gemäuern innewohnt, ist es still im Haus. Kein Anzeichen menschlichen Lebens. Auf der oberen Etage herrschen schummrige Lichtverhältnisse, da die Fenster im Flur vernagelt sind und nur wenig Morgenlicht hereinlassen.
Die Nackenhaare stellen Hannah sich auf. Das ungute Gefühl in ihren Eingeweiden strömt ihr durch den Körper bis in die Fingerspitzen. Achtsam bewegt sie sich durch den schmalen Flur, als würde sie sonst jemanden wecken. An einem Zimmer, in dem zwei heruntergekommene Betten stehen, hält sie inne. Das muss das Zimmer der Mädchen gewesen sein, denkt sie beklommen und betritt den Raum.
Die Wandtapete blättert ab, der einst flauschige Teppich ist abgetreten und verwahrlost. Der gesamte Raum ist mit Staub überzogen, der die Spuren des Brandes nur unzureichend überdeckt. Für den Moment glaubt Hannah, den stechenden Brandgeruch wahrzunehmen. Gedankenverloren streicht sie über die Kommode, hinterlässt einen langgezogenen Abdruck im Staub. Die Betten wirken, als hätte erst kürzlich jemand darin gelegen. Die verwahrlosten Bettdecken sind zurück geschlagen, die Matratzen frei von Staub. Die Kopfkissen weisen Kuhlen auf. Fröstelnd wendet Hannah sich zum Gehen.
Das fühlt sich absolut falsch an, als würde sie mit ihrer Anwesenheit die Ruhestätte der Toten entweihen. Ich bin wohl nicht die Einzige, die hier ihren Rausch ausgeschlafen hat. Zurück auf dem Flur hört sie eine Tür zuschlagen. Unwillkürlich zuckt sie zusammen. Das ist nur der Wind. Nichts wie weg. Mit wenigen Schritten ist sie an der Treppe und eilt diese hinunter. Bei jedem Schritt knarren die Stufen, was laut von den Wänden widerhallt. Auf der vorletzten Treppenstufe angekommen, staunt Hannah nicht schlecht. Im Laufe der Nacht müssen ein paar ihrer Freunde die Bretter von den Fenstern gerissen haben. Die Eingangshalle ist lichtdurchflutet und die Haustür, die gestern Abend noch verriegelt und verrammelt war, steht sperrangelweit offen und lässt die kühle Morgenluft herein.
Wie angewurzelt steht sie am unteren Treppenabsatz und kann nicht begreifen, was sie hier vor sich sieht. Neben dem Müll der Party, der von benutzten Plastikbechern bis hin zu Essensresten reicht, ist der Boden übersät mit einer roten schmierigen Flüssigkeit, die wohl von verschüttetem Partypunsch stammen muss. »O mein Gott, o mein Gott, o mein Gott!«, stammelt Hannah und löst sich aus der Schockstarre. Umsichtig bahnt sie einen Weg durch den Unrat, darauf bedacht, in der schmierigen Substanz nicht auszurutschen. Schließlich passiert es doch. Im letzten Moment gelingt es ihr, sich zu fangen. Ihr Blick gleitet unwillkürlich zum offenen Wohnzimmer, das in Schummerlicht getaucht ist. Sie kann dunkle Schemen darin ausmachen, die merkwürdig geformt sind. Halb gehend, halb schlitternd bewegt sie sich darauf zu und erfährt den Schreck ihres Lebens. Vom Würgereiz geschüttelt, übergibt sie sich direkt auf die teuren Sneaker. Der weiße Stoff saugt den sauren Brei sofort auf und bildet hässliche bräunlich gelbe Flecken. Hinter der Türschwelle stapeln sich die leblosen Körper all ihrer Freunde, die gestern bei der Party waren. Ineinander verschlungene Gliedmaßen, blutbeschmierte Kleidung, hässliche Wunden und stumpfe Augen, die ihr anklagend entgegen glotzen. Schreiend wendet Hannah sich ab, stürzt zur Tür hinaus und tastet im Laufen nach ihrem Smartphone, um Hilfe zu rufen. »Hannah, warte!« Gerade als sie einen Schritt aus der Tür gemacht hat, hört sie schwach eine vertraute Stimme nach ihr rufen. Mit tränennassem Gesicht wendet sie sich um. »Richie?« »Bitte, geh nicht«, stammelt er, am oberen Treppenabsatz stehend. »Lass mich nicht hier zurück.« Die Worte gehen in ein gurgelndes Geräusch über. Hannah zögert, vor Entsetzen erstarrt. »Hilf mir.«, gibt Richie von sich, als sich ihm die scharfe Klinge durch den Rücken bohrt und vorn wieder austritt. Hannah stößt einen gellenden Schrei aus und rennt davon, während Richie den letzten Atemzug macht und somit das Leben aushaucht. Das Poltern des leblosen Körpers, der die Stufen zur Eingangshalle hinunterstürzt, hallt laut und dumpf von den Wänden wider. Hannah wagt erst stehen zu bleiben, als sie das Tor zum Grundstück passiert hat und an dem Pfad steht, der durch den Wald zum Anwesen hinaufführt. Unter Aufbietung all ihrer Kraft gelingt es ihr, ruhiger zu atmen. Gehetzt wirft sie einen Blick zurück zum Haus, wo sie meint, im oberen Stockwerk einen Schemen zu sehen, der sie beobachtet. Das Telefon fest in der Hand wendet Hannah sich ab, stürzt den Pfad entlang, der sie zur Straße führt und zurück in die Stadt bringt. Auf dem Weg versucht sie mehrfach Hilfe zu rufen, doch das Handy bekommt keinerlei Empfang. Auch der Akku ist kurz davor, den Geist aufzugeben. Somit bleibt nur noch eine Möglichkeit. Sie sprintet los und fragt sich, noch bevor sie die Main Street erreicht hat, ob der Sheriff ihre Geschichte glauben wird.