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  • Im Zeichen der Lämmer

Genre

Darum geht es in dem Thriller



Lauf: Und du stirbst! Schrei: Und du stirbst!
Ein einzelnes Paar Füße, und das mitten auf dem Gelände einer Schule. Der Rest des Körpers fehlt. Wenig später finden Jogger eine Leiche ohne Füße. Beide Funde haben unterschiedliche DNA. Demnach zwei Opfer innerhalb kurzer Zeit. Inspector Aidan Carter ist sich sicher, hinter den Morden steckt ein Serienkiller, denn das ist nur die Spitze des Eisbergs. Der Mörder sägt seinen Opfern nicht nur die Füße ab …
Carter und sein Team stehen vor einem Rätsel. Haben sie es hier mit einem Psychopathen zu tun, einer Sekte oder handelt es sich hierbei vielleicht doch nur um ein Verbrechen aus Leidenschaft?

Auch Aidan Carters Lebensgefährtin Jessica Duncan bleibt nicht untätig. Die Fälle der verstümmelten Opfer bieten die Idee zu einem neuen Roman. Da Aidan allerdings nichts von seinen Ermittlungen preisgeben will, recherchiert sie selbst und stößt auf ein längst vergangenes Ereignis. Ohne es zu ahnen, begibt sie sich dabei in Lebensgefahr …

Prolog

Die Dämmerung umhüllte die Straßen allmählich mit ihrem Schleier. Nur noch wenige Minuten, dann lagen sie völlig in der trostlosen Schwärze der Nacht. Das hieß, Madison musste mal wieder im Schritttempo nach Hause fahren, denn ihre Augen standen mit der Dunkelheit auf Kriegsfuß. Und Gelder für Straßenlaternen wurden am Stadtrand nicht gerade verschwendet. Sie hatte gut zwanzig Minuten Fahrtweg vor sich, doch im Vergleich zur Großstadt war das ein Katzensprung.
Vor sechs Monaten war sie hierher in ihren Heimatort zurückgezogen und hatte es noch keinen einzigen Tag bereut. Auf den Straßen war nie viel los, weder abends noch zur Rushhour. Stau war hier fast schon ein Fremdwort.
Im Augenblick wollte sie nur schnell nach Hause, ein heißes Bad nehmen und dann ins Bett fallen. Für mehr hatte sie momentan keine Kraft, morgen ging der Stress von Neuem los.
Abgekämpft und müde schob sie sich hinters Lenkrad. Endlich Feierabend, dachte sie und warf einen Blick in den Rückspiegel. Um ihre Augen lagen dunkle Schatten. So konnte das nicht weitergehen. Das war bereits der dritte Tag in dieser Woche, dass sie eine Doppelschicht in der Klinik schieben musste. Einige Schwestern hatten sich krankgemeldet. Ein Virus war im Umlauf und es gab einfach nicht genügend Personal.
Fünfzehn Minuten später bog sie bereits in die Eastside Street und parkte direkt vor ihrem Eingang auf der Straße.
Vor wenigen Wochen hatte Madison ein kleines Haus am Rising Creek ergattert. Die Mieten waren hier zwar etwas happig, doch das nahm sie guten Gewissens in Kauf. Die Wohngegend war nahezu neu und exklusiv, vor allem aber ruhig. Außerdem bekam sie von ihrem Verflossenen einen ordentlichen Zuschuss.
Der Mistkerl hatte sie geschwängert und dann sitzen lassen, und das nur, weil eine Abtreibung für sie nicht infrage kam. Darum wollte sie das Kind allein großziehen und er sollte mal schön seinen Beitrag dazu leisten. Als sie ihn damit konfrontiert hatte, machte er nicht einmal Theater. Er zahlte sogar freiwillig, und das schon seit sie hier eingezogen war. Dabei war sie gerade erst im zweiten Monat mit dem Kind. Doch ganz sicher zeugte das nicht von Sinneswandel oder Vatervorfreude. Dazu trieb ihn eher die pure Angst vor seiner Frau.
Madison stieg aus ihrem Wagen. Nirgendwo in den Nachbarhäusern brannte Licht, obwohl die Uhr erst neun zeigte. Nur vereinzelte Straßenlaternen verrichteten stumm ihren Dienst. Einige der umliegenden Häuser standen noch leer, alle anderen Bewohner ringsum schliefen vermutlich schon. Kein Wunder, die meisten ihrer Nachbarn waren geschätzte hundert Jahre alt.
Sie schnappte ihre Tasche vom Beifahrersitz und verriegelte den Wagen. Mit einem Mal wurde sie keine zwanzig Meter entfernt vom Licht eines Scheinwerfers geblendet. Eine Autotür knallte zu. Wenige Sekunden darauf erschien jemand in dem Lichtkegel, rief nach ihr und winkte. Er wusste ihren Namen, ein Bekannter demnach.
Musste das sein? Sie war doch so müde. Gerade heute. Sie blieb stehen und fixierte ihn, vermochte aber nicht mehr, als einen Umriss auszumachen. Widerwillig ging sie auf ihn zu. Als sie näher kam, fluchte sie innerlich.
O nein, nicht der schon wieder, bitte verschone mich. Wann lässt der mich endlich in Ruhe?
Zum Umkehren war es zu spät, so unhöflich wollte sie nun auch wieder nicht sein.
»Was machst du denn hier, ist was passiert?«, rief sie.
»Hey, Maddi, welch ein Glück, dass ich dich treffe. Ich habe vorhin einem Nachbarn von dir eine Kommode abgekauft und nun bekomme ich das Ding allein nicht in den Lieferwagen.«
»Um diese Zeit? Wie lange stehst du denn schon hier und warum hast du niemand anderen um Hilfe gebeten?«
»Gute Frage, ich dachte, ich schaffe es allein. Würdest du mir vielleicht helfen?«
Dieser komische Kauz war wohl mal wieder zu feige, jemanden anzusprechen. »Na sicher helfe ich dir.«
»Danke, du bist meine Rettung. Vielleicht steigst du in den Lieferwagen und ziehst, da hast du es leichter. Ich hebe das Teil von hier draußen an und schiebe.«
»Okay, dann muss ich aber los, ich habe einen anstrengenden Dienst hinter mir.«
»Es dauert nicht lange. Tut mir leid, dass ich dich damit belästige.«
Ungelenk half er Madison auf die Rampe. Danach hob er die Kommode an und schob.
»Himmelherrgott, ist das Ding schwer. So was braucht doch kein Mensch«, stöhnte Madison.
»Ich schon.«
»Na ja, etwas seltsam warst du schon immer. So, ich komme jetzt vor. Hilf mir bitte runter.«
Madison zwängte sich an der Kommode vorbei bis zur Rampe. Abrupt blieb sie stehen. Er hielt eine Waffe auf sie gerichtet. Sollte das ein dummer Scherz sein? Sie war verunsichert.
»Steck das Ding weg. Was soll das?«
Im nächsten Augenblick spürte sie einen stechenden Schmerz und sackte zusammen.

Allmählich kam Madison zu sich. Sie öffnete die Augen, konnte jedoch nichts sehen. Es war stockdunkel.
Wo war sie und wie kam sie hierher?
Sie versuchte sich zu erinnern. Das Letzte, das ihr einfiel, war, dass sie von der Klinik nach Hause fuhr und danach ins Haus gehen wollte. Plötzlich schob sich der Lieferwagen in ihr Gedächtnis. Ach ja, richtig. Und dieser Kerl, warum konnte er sie nicht einfach in Ruhe lassen? Halt! Da war noch etwas. Das schwere Ding, diese Kommode. Er wollte …, aber wieso …? Er musste sie betäubt und entführt haben. Dieser Mistkerl, na warte.
Sie wollte aufspringen, konnte sich aber keinen Zentimeter von der Stelle bewegen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie festgebunden war und schrecklich fror. Der Raum war eisig und unter sich spürte sie blankes Metall. Sie fühlte es am ganzen Körper.
O mein Gott, sie war nackt! Er hatte sie ausgezogen, mit seinen widerlichen Fingern berührt. Madison zitterte augenblicklich. Ob aus Entsetzen oder vor Kälte, sie wusste es nicht. Gleichzeitig begriff sie, dass er sie nicht nur festgebunden, sondern komplett fixiert hatte. Ihre Oberschenkel und Fußgelenke waren an das kalte Metall mit Riemen geschnallt, ebenso jedes ihrer Handgelenke, ihr Becken, der Oberkörper, die Stirn. Was hatte dieser kranke Typ vor? Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf und die Gewissheit traf sie wie ein Fausthieb. Er wollte sie vergewaltigen, er stellte ihr immer noch nach.
Angst kroch durch ihre Glieder. Vor ihren Augen begann sich alles zu drehen und ihr wurde übel. Wenn sie sich jetzt übergeben würde, müsste sie zweifellos daran ersticken. Panik stieg in ihr auf. Sie atmete viel zu hektisch und in kurzen Stößen.
Stopp! Reiß dich zusammen, Maddi!
Sie musste sich dringend beruhigen und ihre Übelkeit in den Griff bekommen. Sie schloss die Augen. Dann zwang sie sich, ruhig zu atmen und an nichts zu denken.
Gut, konzentrier dich. Langsam in den Bauch einatmen. Dabei zählte sie: Eins, zwei, drei – Luft anhalten – und jetzt lang und tief ausatmen: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Noch mal.
Nach einer Weile verschwand der aufsteigende Würgereiz und sie hatte ihre Angst unter Kontrolle. Sie war wieder einigermaßen in der Lage, klar zu denken. Okay, und nun benutze deinen Verstand. Sie musste hier schnellstens raus. Vielleicht ließen sich die Riemen ein wenig lockern.
Madison drehte ihre Hände und Fußgelenke hin und her. Die einzigen Gliedmaßen, zu denen sie überhaupt fähig war, sie zu bewegen. Kurze Zeit später brannte ihre Haut wie Feuer, doch ihre Fesseln saßen nach wie vor straff. Erneut spürte sie das panische Kribbeln in ihrer Brust. Sie schluchzte verzweifelt und wurde hysterisch. Mit ganzer Kraft zerrte sie weiter an den Riemen, aber es war aussichtslos. Sie saß in der Falle. Jetzt konnte sie nur abwarten, dass ihr Peiniger kam, und alles über sich ergehen lassen.
Ich werde dich anzeigen, du mieses Schwein. »Wo bist du!«, rief sie. »Komm endlich her und zeig dich!«
Die letzten Worte kreischte sie wütend. Nichts geschah. Keine Schritte, die sich näherten. Keine Tür, die sich öffnete. Kein Licht. Diese Dunkelheit um sie herum und nicht zu wissen, wo sie war, brachte Madison fast um den Verstand. Das Einzige, das sie wahrnahm, war ihr eigener Herzschlag.
Quälende Minuten vergingen. Mit einem Mal hörte sie ein Geräusch auf dem Boden und erstarrte. Es war unmittelbar neben ihr. Ein Scharren oder Schleifen, vielleicht eine Ratte? O Gott, sie hatte so schreckliche Angst vor Ratten und konnte sich nicht einmal bewegen. Bei dem Gedanken daran fing sie an zu kichern. Das alles war so bizarr. Sie befand sich in einer ausweglosen Situation und machte sich Sorgen wegen einer Ratte. Wie lächerlich.
Plötzlich hörte sie, wie ein Stuhl zurückgeschoben wurde. Gleich darauf flammte gleißendes weißes Deckenlicht auf. Es blendete. Der stechende Schmerz trieb ihr die Tränen in die Augen. Sofort kniff sie sie fest zu.
Dieser Dreckskerl hatte die ganze Zeit neben ihr auf einem Stuhl gesessen und gewartet.
Sekunden später hatte sie sich noch immer nicht daran gewöhnt, doch sie registrierte, dass sie auf einer Art Metalltisch lag. Nur blinzelnd konnte sie etwas erkennen.
»Was soll das, warum bin ich hier? Binde mich los!«
Er stand neben ihr, setzte das Nachtsichtgerät ab und starrte teilnahmslos auf sie hinab. Aus dem Augenwinkel konnte Madison ihn kaum ausmachen. Sie musste ihre Augen verrenken, um wenigstens etwas von ihm sehen zu können. Sie versuchte ihren Kopf zu drehen. Keine Chance, der Riemen lag fest wie ein Schraubstock um ihre Stirn.
»Antworte mir, verdammt!«
Keine Regung. So hatte Madison ihn noch nie erlebt. Er wurde ihr immer unheimlicher. Wollte er sich vielleicht an ihr rächen? Ein einziges Mal hatte sie sich mit anderen Mädels über ihn lustig gemacht. Dummerweise hatte er das mitbekommen. Aber das war doch noch lange kein Grund für das Ganze hier.
Gänsehaut überzog ihren Körper und unwillkürlich schlugen ihre Zähne aufeinander. Es gab nur eine Möglichkeit, sie musste weiterreden und ihn irgendwie dazu bringen, sie loszubinden. Ihre Angst durfte auf keinen Fall die Oberhand gewinnen.
»Vielleicht reden wir einfach in Ruhe miteinander und fangen noch mal von vorn an. Jetzt binde mich schon los!«
Das hatte gewirkt. Er ging zu ihren Füßen und entfernte die Riemen. Danach wandte er sich von ihr ab und ging.
Madison war irritiert. War das ein Spiel? Wollte er, dass sie den Rest selbst schaffte? Jetzt hatte sie zwar ihre Füße frei, konnte sich aber noch immer keinen Zentimeter bewegen.
»Hey, binde mir wenigstens die Hände los.«
Keine Antwort. War er noch hier? Sie hatte ihn nicht hinausgehen hören und war sich nicht sicher. Sie wollte nachsehen, aber dieser verflixte Riemen um ihre Stirn hinderte sie daran und zwang sie, weiter an die Decke zu starren.
Der Raum war hoch, die Wände weiß gekachelt und über ihr flackerte das grässliche Neonlicht. Was war das für ein Ort? Ein Waschhaus, ein Labor, ein Schlachthaus? Bei dem letzten Gedanken überzog sich ihr Körper erneut mit einer Gänsehaut. Bitte, lass das alles nur ein schlechter Traum sein.
Madison vernahm das Schlurfen seiner Schuhe auf dem Boden. Er war noch immer hier. Die Schritte kamen näher, dann tauchte er am Fußende des Tisches auf, auf dem sie lag. Nackt, hilflos und ihm völlig ausgeliefert. Würde er sie jetzt losbinden? Das musste er, wenn er sie vergewaltigen wollte, zumindest ihre Beine. Sie nahm sich vor, sein Spiel mitzuspielen, und wollte versuchen, ihn um den Finger zu wickeln, so lange, bis er sie endlich losband. Danach, dann gnade ihm Gott.
Er hielt zwei breite Manschetten in der Hand und starrte Madison an, beinah zärtlich. Tat ihm womöglich leid, was er ihr da antat? Nur ein kurzer Augenblick und seine Mimik versteinerte wieder. Nun legte er eine der beiden Manschetten um ihren rechten Oberschenkel, die andere um den linken. Beide zurrte er fest.
»Was tust du da? Das tut extrem weh, das ist zu straff.«
Er zog sie noch fester, bis Madison das Gefühl hatte, ihre Beine würden platzen. Anschließend rollte er einen metallenen Wagen zu sich heran. Von ihrer Position aus konnte sie nicht erkennen, was darauf lag. Er nahm einen Gegenstand in seine Hand und hob ihn hoch. Ungläubig sah sie, wie er eine Spritze aufzog.
Sie zitterte schlagartig, nur dieses Mal nicht vor Kälte, sondern aus Furcht. Entsetzt öffnete sie den Mund.
»Was hast du vor?«, keuchte sie. »Bitte, tu das nicht. Lass uns doch über alles reden.«
Sekunden darauf spürte sie einen Stich im linken Oberschenkel. Das Gleiche machte er mit dem rechten. Er injizierte ihr irgendetwas. Danach schaute er auf die Uhr und ließ sie allein.
Madison hörte, wie er die Treppe hinaufstieg. Die Tür fiel ins Schloss. Diesmal hatte er den Raum tatsächlich verlassen. Sofort versuchte sie sich zu befreien. Mit den Händen konnte sie keinen der Gurte erreichen, sie waren ihr dabei keine Hilfe. Mit leichten Hüftbewegungen versuchte sie im Wechsel die Beine lang zu machen und mit den Füßen zu strampeln. Mit etwas Glück würde der Riemen um ihre Oberschenkel ein Stück nach oben rutschen. Dann könnte sie immerhin ihre Beine bewegen und vielleicht irgendwie an ein Messer herankommen. Doch ihre Gliedmaßen wurden mit jeder Minute schwerer. Dann verlor sie die Kontrolle über ihre Beine. Sie wurden taub. Madison spürte sie nicht mehr. Was hatte er ihr da bloß gespritzt und vor allem warum?
Im nächsten Augenblick hörte sie die Tür. Das regelmäßige Klacken verriet ihr, dass er in diesem Moment die Treppe herunterkam.
O nein! Er kommt zurück!
Ihr Herz raste. Was sollte sie jetzt tun, ihn anbetteln?
»Bitte, binde mich los. Ich werde niemandem davon erzählen. Ich schwöre es dir.« Ihre Stimme bebte vor Angst. »Was habe ich dir getan? Du magst mich doch und ich mag dich auch«, versuchte sie es verzweifelt. »Sehr sogar. Bitte!«
Er sah Madison an und überlegte. Dann schüttelte er den Kopf und wandte sich hastig ab.
»Nein, nein, nein.«
Dabei kramte er auf dem Metallwagen und nuschelte unablässig einen Singsang vor sich hin. Es klang wie ein Kinderreim, aber Madison verstand davon kein Wort. Redete er mit ihr oder mit sich selbst?
»Bitte – was ist mit dir? Vielleicht kann ich dir helfen?«
Er drehte sich um und kam mit einer Rolle Klebeband auf sie zu.
»Ich spüre meine Beine nicht mehr. Was hast du mit mir gemacht?«
»Psst!« Er legte den Zeigefinger an seine Lippen.
Madison liefen Tränen aus den Augenwinkeln. Sie versuchte zu erfassen, was gerade mit ihr geschah. Sie schloss die Augen und öffnete sie wieder. Doch es war kein Traum, das hier war real und passierte tatsächlich ihr.
Stumm sah sie zu, wie er ein Stück von der Rolle abtrennte. Beinah behutsam legte er es auf ihren Mund und strich es mit sanftem Druck fest. Danach hörte sie, wie er Richtung Treppe ging.
An der Wand neben dem riesigen Waschtrog hingen eine Gummischürze und eine Schutzbrille, doch das lag nicht in ihrem Sichtbereich. Er nahm beides vom Haken, zog es über und kam mit einem Eimer in der Hand zurück zum Fußende des Tisches.
Ein kreischendes Gerät heulte auf. Madison zuckte zusammen. Der Ton jagte ihr einen Schauer über den Körper. Vor Angst kniff sie die Augen zu und stöhnte unter dem Klebeband. Sie konnte nicht sehen, was er tat. Im Moment bückte er sich und sie sah nur seinen Schopf. Selbst wenn er aufrecht stand, reichte ihr Blickwinkel gerade mal bis zu seiner Brust.
Nun hörte sie etwas dumpf poltern. Und noch einmal. Das Kreischen verstummte. Es plätscherte. Wasser? Was hatte er bloß vor. Sie musste ihn davon abbringen, bloß wie, wenn sie nicht einmal mehr sprechen konnte.
Sie öffnete die Augen. Ihr Blick wanderte zurück zu ihm. Soweit sie erkennen konnte, war seine Schürze mit roten Spritzern übersät. Hatte er sich verletzt? Er bückte sich erneut. Als er sich wieder aufrichtete, hielt er einen blutverschmierten Fuß in der Hand.
Sie schrie wie von Sinnen unter dem Klebeband. Sie wollte das nicht sehen, konnte aber auch nicht wegschauen. Mit einem Mal wurde ihr klar, der Fuß, die lackierten Zehennägel, das war ihr Fuß. Ihr eigener Fuß!
Bilder flogen an ihrem inneren Auge vorbei. Die Spritze, ihre betäubten Beine, das kreischende Geräusch.
Er hat meine Füße abgesägt!
Hysterisch und völlig außer sich kreischte sie erstickt weiter, bis sie hyperventilierte. Ihre Ohren dröhnten und Sterne tanzten vor ihrem Sichtfeld. Schwarzer, dicker Nebel waberte in den Raum, bis er sie komplett verschlungen hatte. Sie wurde ohnmächtig.

Das Blut schoss inzwischen nicht mehr aus ihren Beinen, sondern tropfte nur noch. Den Eimer würde er so lange stehen lassen, bis es aufhörte. Er wollte nicht zu viel Sauerei auf dem Boden haben.
Madison rührte sich nicht mehr. Sie lag reglos da, wie eine wunderschöne Venus. Seine wunderschöne Venus. Er war fast fertig mit ihr. Gleich würde sie ihn mit glücklichen Augen anlächeln, und das für immer. Er war ganz euphorisch und sogar ein wenig erregt.
Aber nein. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Er nahm einen Stift und zog auf Madisons beiden Gesichtshälften eine dicke Linie vom Mundwinkel bis zu ihrem Ohr. Fasziniert betrachtete er sein Werk. Das ist ein bezauberndes Lächeln. Er konnte seinen Blick kaum abwenden. Dennoch griff er nach dem kleinen Skalpell, das neben der flachen Glasschale mit dem braunen Augenpaar lag.
Er atmete ein paarmal tief durch, danach war er völlig konzentriert. Seine Hände zitterten kein bisschen. Ohne Pause vollendete er geschickt den Akt seiner Schöpfung.


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Eure Emilia Benedict

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