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  • Silhouette des Wahnsinns • Eureka Palmer

Genre


Anspannung liegt in der Luft, wie das elektrisierende Flimmern vor einem Gewitter. Blut läuft aus meinem Ohr. Das hohe Fiepen ist kaum zu ertragen. Meine Sicht verschwimmt und ein schwindelerregender Schmerz durchzuckt meinen Schädel. »Du hast es zu weit getrieben«, sagt er, das Gesicht wutverzerrt. Er schnauft angestrengt und knallt mir die halbvolle Bierflasche gegen den Kopf. Dumpf schlägt sie auf dem Boden auf. Die ausströmende Flüssigkeit sickert langsam in den Teppich hinein. Ich taumele rückwärts und knalle gegen den blöden Schrank, der hier überhaupt nicht reinpasst. Stechender Schmerz schießt von meiner Schulter in den Arm. Ich jaule auf, stoße unachtsam gegen den Korb mit dem Kaminbesteck, der seinen Platz für gewöhnlich beim Kamin an der gegenüberliegenden Wand hat, und gerate ins Straucheln. Meinen Sturz fange ich unbeholfen mit den Händen ab. Wie ein räudiger Köter knie ich vor ihm.
»Du gottverdammtes Miststück!« Sein Tritt trifft mich hart in die Seite. Der Schmerz explodiert binnen Sekunden. Ich würge und kotze ihm vor die Füße. »Das hättest du nicht tun sollen.« Wutentbrannt reißt er meine liebevoll gestapelten Bücher vom Regal und trampelt wie von Sinnen auf ihnen herum. Das Geräusch tut mir weh. Die zarten Buchrücken brechen wie hohle Knochen. »Hör auf«, flehe ich. Tränen strömen über mein Gesicht. Diese Schmerzen bringen mich um den Verstand.
»Nur ein einziges Mal solltest du etwas richtig machen«, faucht er mich an. Der Teller Spaghetti vom Abendessen segelt wie aus dem Nichts an meinem Ohr vorbei und hinterlässt eine fettige Spur, die sich wie ein stummer Zeuge an der Wand hinter mir festsetzt. »Das wirst du sauber machen.« Ich nicke stumm und kauere mich zusammen, klein und verletzlich wie ein Häufchen Elend. »Hast du mich verstanden?« Mit einem Satz ist er bei mir und spuckt mir ins Gesicht. Der klebrige Speichel vermischt sich mit meinen Tränen. »Diesen Müll kannst du allein essen.« Er packt mich im Genick. Ich schreie quiekend auf und sehe im nächsten Augenblick die Essensreste auf mich zurasen.
Er drückt mein Gesicht in die breiige Masse. Fleischbröckchen von der Bolognese schieben sich in meine Nase. Ich huste und würge erneut. An den Haaren zieht er meinen Kopf radikal zurück. »Bitte nicht«, wimmere ich. Mit der flachen Hand schlägt er mir hart ins Gesicht. Dann entfernt er sich fluchend von mir und verlässt den Raum.
Die Sekunden ziehen sich unheilvoll in die Länge, als wollten sie die Zeit selbst herausfordern. Über mir verdichten sich die dunklen Wolken, die mich stets auf meinem Weg begleiten. Ihr schwerer Schleier liegt wie ein stiller Schatten auf mir und raubt mir die Atemluft. Nur mit Unterwäsche bekleidet betritt er wieder das Wohnzimmer und hält einen Waschlappen in der Hand. Er kniet sich vor mich hin und blickt mir fest in die Augen. Einzig das irre Funkeln in ihnen verrät seinen verbliebenen Zorn. Sanft streichelt er mit dem Handrücken über meine Wange.
»Es tut mir leid. Ich mache das wieder gut. Du weißt doch, dass ich dich liebe.« Grob küsst er mich auf den Mund, schiebt dabei die Träger meines Nachthemds hinunter und betatscht meine Brust. Angewidert verziehe ich die Miene, als er fertig ist. Die eisige Ruhe, die von ihm ausgeht, lässt mich vor Angst erstarren. »Räum den Dreck auf, und wenn du duschen warst, sehen wir uns drüben«, flüstert er und beißt so fest in mein Ohrläppchen, als würde er es verspeisen wollen.
Stechender Schmerz breitet sich an der Stelle aus, wo die zarte Haut gerissen ist, und ein feines Rinnsal Blut tritt aus der Verletzung hervor. Als die Tür sich endlich hinter ihm geschlossen hat, schnappe ich gierig nach Luft, wie eine Schiffbrüchige, die zu lange unter Wasser war. Die dünnen Träger schiebe ich hektisch an ihren Platz zurück. Nachdem sich meine Atmung wieder einigermaßen normalisiert hat, beseitige ich ein Stück weit das Chaos. Das Feuer im Kamin ist längst erloschen. Dünne Rauchsäulen kräuseln sich aus den verbliebenen Glutnestern empor und verschwinden in der Finsternis des Abzugs. Die verkohlten Holzscheite verströmen einen säuerlichen, modrigen Geruch. Wehmütig schichte ich meine kaputten Bücher, die in den nächsten Tagen als Brennstoff dienen werden, zu einem Haufen zusammen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Flammen gierig an den gebrochenen Bindungen lecken und über die dicht beschriebenen Seiten züngeln. Plötzlich dringt leises Stöhnen durch die geschlossene Tür aus dem angrenzenden Raum. Augenblicklich verkrampfe ich und schlucke die Abscheu hinunter. Mein Blick fällt auf den überquellenden Aschenbecher, dessen Inhalt auf dem versifften Sofatisch vergammelt. Angeekelt schüttle ich mich.
Nachdem ich grobe Ordnung in das Durcheinander gebrachte habe, ziehe ich mich unter die Dusche zurück. Im fließenden Wasser gehen meine Tränen unter, wie Tropfen auf dem weiten Meer. Das Bedürfnis, meine Haut so lange zu schrubben, bis sie in strahlendem Rot erblüht, wird übermächtig. Während das heiße Wasser auf meinen nackten Rücken prasselt, denke ich daran, was mir bevorsteht. Das klatschende Geräusch seiner Hand in meinem Gesicht hallt in meinen Gedanken wider. Das Zischen, wenn seine glühenden Zigarettenstummel auf meine Haut treffen. Klirrendes Glas. Explodierender Schmerz. Der Soundtrack meines Lebens. Mit dem Finger fahre ich die feinen Linien auf meinem Unterarm nach. Mein Magen verkrampft sich, doch es kommt nichts mehr raus.
Briefe eines vergessenen Kindes –  Summers Gedankenspiel, 1. Teil Der Ozean. Die Weiten des Meeres. Tiefes Blau, strahlender Sonnenschein, klarer Himmel. Weißer Sandstrand. Palmen, die erholsamen Schatten spenden. Eine schillernde Welt, verborgen in den unendlichen Tiefen des Wassers. Eine frische Meeresbrise weht mir um die Nase. Die Luft riecht salzig und frisch. Das friedliche Rauschen der Wellen, die sich gischtschäumend am Strand brechen, klingt wie Musik in meinen Ohren. Barfuß tapse ich durch den weichen Sand. Die Sonne scheint. Nur ich hinterlasse Spuren. Kein Mensch, weit und breit, in Sicht. Nur ich. Zum ersten Mal seit langer Zeit verspüre ich Frieden, während ich dem Rauschen der Wellen lausche und die Füße im warmen Sand vergrabe. Das Gesicht strecke ich lächelnd der Sonne entgegen und lasse mich von ihren Strahlen wärmen.
Dieser wunderschöne, friedliche Ort berührt mich. Wärme durchflutet mein Herz und vertreibt die Traurigkeit. Eine Möwe singt ihr Meereslied hoch über mir und lässt sich auf einem von Algen bedeckten Stein am Wasserrand nieder. Ich schließe die Augen, lausche mit angehaltenem Atem und schicke meine Gedanken auf eine lange Reise. Ich denke an Blumen, Melodien und sorglose Momente von denen ich nicht weiß, ob sie real oder meiner Fantasie entsprungen sind. Wie ein Film laufen Bilder, deren Bedeutung ich nicht erfassen kann, vor meinem inneren Auge ab, die wie ein Tumor unter der Netzhaut pulsieren und darauf warten, freigelassen zu werden. Ich öffne die Augen, verdränge die bösen Anwandlungen und schaue aufs Meer hinaus. Bald muss ich wieder fort, was mir ganz und gar nicht behagt. Doch die Entscheidung liegt nicht in meiner Hand. Die Würfel sind gefallen. Meine Meinung ist hier nicht gefragt. Am liebsten würde ich einfach in diesem Paradies bleiben und das Strandleben genießen. Wie so oft kehren meine Gedanken viel zu früh von ihrer Auszeit zurück und bringen Sorgen über sinnlose Kleinigkeiten mit. Manchmal denke ich, dass ich nicht normal bin. Bin ich mit einem Gendefekt geboren worden, der mich dazu zwingt, alles anzuzweifeln? Bin ich mit Nichtwissen und fehlender Durchsetzungskraft gestraft und zu mangelnder Willensstärke verdammt?
Ich denke zu viel nach und verstehe die Wörter nicht. Im Nachhinein herrscht nur noch mehr Verwirrung. Ich sehe Schatten, wo Licht ist. Ich sehe Monster und finstere Kreaturen, obwohl harmlos lächelnde Wesen meinen Weg kreuzen. Ich empfinde Neid, obwohl es gar keinen Grund dafür gibt. Ich fühle mich nutzlos, obwohl ich alles gebe. Ich sehe Feinde, wo Freunde sind, und Freunde, die mir Steine in den Weg legen. Mein Weltbild ist surreal und verdreht. Der Wind frischt auf, während sich die Sonne gemächlich über den Weiten des Meeres dem Horizont entgegen senkt.
Die Palmen werfen immer längere Schatten auf den makellos weißen Sand. Die Wellen verebben, während Wolken aufziehen. Ich spüre die Vorboten eines Sturms, als die ersten Regentropfen meine Haut benetzen. Plötzlich blendet mich gleißendes Licht. Ich kneife die Augen fest zusammen. In weiter Ferne höre ich noch immer das Lied des Meeres. Die Wellen tosen und der Sand knirscht unter meinen nackten Füßen. Die Möwen singen weiterhin ihren Lobgesang.
Zögernd öffne ich die Augen und frage mich: Ist das das Licht am Ende des Tunnels? Ich schließe die Augen wieder und lasse mich vom Licht umhüllen. Es ist warm und gibt mir Hoffnung. Es verschlingt mich und nimmt mich mit auf eine lange Reise.

Kapitel 1 – Ein alltäglicher Morgen
Der Mond hält sich hinter schweren Wolken versteckt, die träge vorüberziehen. Die Sonne schläft noch tief und denkt nicht daran, die Welt mit ihren Strahlen zu wärmen. Das lästige, hohe Piepen des Weckers reißt mich aus dem Schlaf. Ich brauche einen Moment, um zu realisieren, wo ich bin und was passiert ist. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Blitz, der in einen Baum einschlägt und ihn bis zu den Wurzeln spaltet. Schlaftrunken blinzle ich die diffusen Gedanken an den vergangenen Abend fort, die wie giftiger Nebel um mich wabern und ihre finsteren, beängstigenden Klauen bedrohlich nach mir ausstrecken. Verstimmt recke ich die steifen Glieder und quäle mich seufzend aus dem Bett.
Es war eine lange Nacht und ich sehne mich nach erholsamem Schlaf, der mich seit einiger Zeit im Stich lässt. Sogar meine Träume verhöhnen mich mit ihren Ereignissen, die zugleich realitätsfremd und vertraut sind. Das Aufstehen fällt mir heute besonders schwer. Ich fühle mich miserabel. Mein Kopf schmerzt, mein gesamter Körper pocht und fühlt sich an wie eine offene Wunde. Ich habe einen schalen Geschmack im Mund und meine Zunge ist pelzig und geschwollen. Mein Gesicht fühlt sich zerknautscht und zerknittert an. Ich beneide die Menschen, die glücklich und selig ihr Dasein fristen und sorglos durchs Leben gehen. Ich würde alles dafür geben, einmal eine entspannte Nacht zu verbringen. Neben mir grunzt es vernehmlich. Mir wird augenblicklich schlecht. Eine Welle der Übelkeit schwappt über mich hinweg und ich schüttele mich angeekelt. Ein Frösteln jagt durch meinen Körper und ruft die Erinnerung mit voller Wucht zurück. Und mit ihr die Schuldgefühle.
Plötzlich krampft sich mein Magen erneut schmerzhaft zusammen und mir schießt säuerliche Galle die Kehle hoch. Mein Freund Chuck dreht sich schnarchend auf die andere Seite. Er schläft tief und bemerkt nicht, wie ich mich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer schleiche. Mein Freund, auch nach eineinhalb Jahren klingen die beiden Worte im Zusammenhang fremd und hohl in meinen Ohren. Leise schließe ich die Tür hinter mir und laufe ins Bad so schnell ich kann. Ich liebe dich, hat er gesagt. Ich würde alles für dich tun, hat er gesagt. Sieh zu, wie du klarkommst, hat er gesagt, als ich ihn am dringendsten gebraucht habe. Wenn du es nicht tust, muss ich dich verlassen, hat er gedroht, als ich am verletzlichsten war. Ich dränge die aufkommenden Tränen zurück, die sich heiß und feucht in meinen Augen bilden und nach Freiheit verlangen. Die Angst, die mich fest in ihren eisigen Klauen hält und mir das Leben zur Hölle macht, versuche ich niederzukämpfen.
Beim Blick in den Spiegel überläuft es mich eiskalt. Ich sehe aus wie eine Vogelscheuche. Die rot geäderten Augen und das verquollene Gesicht stehen mir überhaupt nicht. Klumpige Reste von schwarzem Mascara kleben mir noch von gestern in den Wimpern. Ein heißes Brennen durchflutet meinen Körper, als der Neid mit voller Kraft zurückkehrt und erneut Besitz von mir ergreift. Ich denke an die Frauen, die traurig und mit glasigem Blick wunderschön aussehen. Wie süße Welpen, die man in den Arm nehmen und knuddeln möchte. Sie gehören einer Welt an, deren Türen für mich immer verschlossen bleiben werden. Wie muss es sich wohl anfühlen, frei und unabhängig die Welt zu erkunden? Wie ist es, selbstbewusst durchs Leben zu gehen? Wie fühlt es sich an, wirklich gesehen zu werden? Traurig schüttele ich den Kopf. Meine inneren Dämonen flüstern mir immer wieder zu, wie nutzlos ich bin. Es wird einfach nicht besser. Alles, was ich anfange, endet im Desaster und hinterlässt nichts als Tränen und verbrannte Erde. Warum nur will mir nichts gelingen?
Zaghaft wasche ich mir das Gesicht und trage frisches Make–up auf, um die Spuren der vergangenen Nacht zu überdecken. Lästige Fragen kann ich nicht gebrauchen. Bei jeder Berührung des Make–up–Pinsels mit meiner stellenweise verfärbten Haut zucke ich zusammen und unterdrücke einen Aufschrei. Es tut so verdammt weh, denke ich reumütig und verspüre einen Stich in meinem Herzen. In meiner Kehle sitzt ein Klumpen, der mir das Atmen erschwert. Wann wird meine blutende Seele endlich Frieden finden, wenn die immer gleichen Narben Tag für Tag aufs Neue brutal aufgerissen werden? Plötzlich wird es mir eng in der Brust. Ich stürze zum Badezimmerfenster und reiße es hektisch auf. Kühle Morgenluft strömt durch das kleine offene Quadrat herein und hüllt mich in einen gespenstischen Mantel. Ich fächle mir frische Luft zu. Nach einigen quälend langen Minuten fühle ich mich etwas besser. Nach einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel beschließe ich, dass es Zeit für eine kräftige Tasse Kaffee ist, bevor ein neuer, grauenhafter Tag beginnt.
Der Regen trommelt gegen die Fenster der kleinen Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss des Miethauses, während ich mich mit meiner dampfenden Tasse Kaffee an den abgenutzten Küchentisch setze. Chuck hat das Möbelstück gemeinsam mit seiner Ex-Freundin ausgesucht und möchte nicht darauf verzichten. Der Tisch ist ein klobiges Stück dunkles Hartholz und gefällt mir gar nicht. In die Tischplatte sind die Initialen C+R eingeritzt und daneben prangt ein dickes 4ever. Ein Zeugnis aus Chucks Vergangenheit. Jeder Morgen ist wie ein weiterer Stich ins Herz. Schade, dass für diesen abgrundtief hässlichen Gegenstand Bäume sterben mussten.
Der Klarlack kann die Kratzer, Kerben und Abnutzungsspuren aus einem anderen Leben nicht verbergen. Einem Leben, das vor meiner Zeit mit Chuck liegt und schwer auf mir lastet. Runa Carpenter, seine mustergültige Ex, nimmt nach wie vor einen großen Stellenwert in seinem Herzen ein. Das schreit er mir jeden Tag aufs Neue unwissentlich entgegen. Ich sitze auf dem unbequemen Stuhl mit Plastiküberzug, dessen Metallbeine mich an die Stühle in Klassenzimmern erinnern. Ein Sitzkissen darf ich nicht darauflegen, da Chuck findet, es würde die Ästhetik der Essecke zerstören. Ich bin mir sicher, dass er einfach nicht von seiner Ex lassen kann. Nicht umsonst stehen die beiden nach wie vor in regelmäßigem Kontakt.
Gedankenverloren schaue ich den Regentropfen zu, die traurig vom Himmel fallen und in kleinen Rinnsalen am Fenster hinabfließen. Wie gern würde ich mich jetzt in diesen Tropfen verlieren und hinabfließen in eine unterirdische Welt, in der ich einfach ich selbst sein kann. Eine Welt, in der ich mich nicht verstellen muss, in der ich nicht nur eine von vielen bin, sondern als vollwertiges Individuum akzeptiert werde. Ach, was denke ich da? Wunschdenken bringt mich nicht weiter.
Flüchtig werfe ich einen Blick auf die Uhr über der Kaffeemaschine und verfluche erneut meine sinnlose Träumerei. Vielleicht sollte ich meinen Kaffee zukünftig mit Bourbon verfeinern. Vielleicht kann ich mein trostloses Leben dann einfacher ertragen. Ich verliere mich völlig in meinen trübsinnigen Gedanken und merke wieder einmal nicht, wie schnell die Zeit vergeht.
Ich muss mich beeilen, sonst komme ich zu spät. Ich hetze ins Wohnzimmer, suche meine Handtasche und fluche laut, als ich mir den Zeh an der abgewetzten Ledercouch stoße und der heiße Kaffee sich über meine teure Second–Hand–Bluse ergießt. Es tut höllisch weh. Ich möchte schreien. Das wird schmerzhafte, rote Flecken geben. Wieder etwas, das ich meiner Liste der Tollpatschigkeiten hinzufügen kann.
Ich lasse meinen Blick durch den kargen Raum schweifen. Die Einrichtung wirkt düster und bedrohlich. Selbst bei Tageslicht ändert sich das nicht. Die wenigen sperrigen Möbelstücke, aus denen sich das Wohnzimmer zusammensetzt, verbreiten keine heimelige Atmosphäre. Im Gegenteil, ich fühle mich unwohl und beobachtet, als würden in den dunklen Ecken bösartige Gestalten ausharren, die nur darauf warten, dass ich einen Fehler mache. Es ist, als lauerte irgendeine unheimliche Macht in den Schatten, um mich zu verschlingen. Mir hat die spartanische Einrichtung von Anfang an nicht gefallen, doch mein Freund wollte es so. Neben den klobigen Möbeln gibt es wenig Dekoration, keine Pflanzen und keine Bilder. Es gibt nichts, das auch nur annähernd persönlich ist oder eine wohnliche Atmosphäre versprühen könnte. Die dunkelgrauen Wände und die schwarzen Gardinen sind das traurige Highlight in diesem Raum. Ein Wandregal ist angefüllt mit Chucks Konsolenspielen und seinen widerlichen DVDs, die ich nicht einmal mit behandschuhten Fingerspitzen berühren würde, selbst wenn mein Leben davon abhinge. In einer Plastikkiste, die neben seinem Nachtschrank im Schlafzimmer steht, bewahrt er einen weiteren Teil dieser ekelerregenden Sammlung auf. Viele davon befinden sich auf selbst gebrannten Medien ohne Cover. Über diesen Schandfleck hat er stets eine schwere braune Decke gebreitet, die eigentlich als Fenstervorhang gedacht ist. In dem hässlichen Schrank, der nicht zur Einrichtung passt, bewahrt Chuck seinen heiligen Gral auf. Das hochkonzentrierte Zeug ist so stark, dass es selbst dem härtesten Gewohnheitstrinker das Augenlicht wegätzt.
All meine Habseligkeiten passen hingegen in einen kleinen, pinken Koffer mit weißem Blumenmuster, den ich vor einiger Zeit auf dem Flohmarkt erworben habe. Mein Blick streift das einzige Foto, das mich und Chuck zeigt. Es liegt auf einem Karton, der neben dem Wohnzimmersessel steht und in den Keller gebracht werden soll. Es wurde vor ein paar Wochen auf der Geburtstagsfeier seines Halbbruders Melvin aufgenommen. Darauf hat er mir den Rücken zugewandt und schäkert mit einer Blondine. Mein blasses Gesicht sieht ungesund und deprimiert aus. Ich hatte an dem Tag keine Lust, mich zu schminken, und daher auf jegliches Make–up verzichtet. Das hatte Chuck mir im Anschluss vorgeworfen, als wir wieder zu Hause waren. Der Streit ging mir an die Nieren. Das Foto spiegelt meinen Gemütszustand eins zu eins wider. Nicht zum ersten Mal kommen mir Zweifel an unserer Beziehung und an Chucks Aufrichtigkeit, was seine Gefühle für mich betrifft. Ich blinzle die Tränen fort, die bei dieser Erinnerung in meinen Augen aufsteigen, und frage mich, was aus dem Chuck geworden ist, der mich einst so umworben und beeindruckt hat. Wo ist die Romantik geblieben? Die gemeinsame Basis mit all ihren großen und kleinen Katastrophen, bei denen am Ende immer die guten und schönen Gefühle siegen?
Unruhe breitet sich in mir aus, und tiefe Traurigkeit legt sich wie ein Mantel um mich. Ich schüttele verzweifelt den Kopf, wende mich von dem Foto ab und bekomme eine Gänsehaut. Blauer Qualm hängt übelriechend und zum Schneiden dick in der Luft. Auf dem Tisch steht noch immer der überquellende Aschenbecher und daneben eine Auswahl leerer Feuerzeuge. Ein angefangenes Päckchen Zigaretten wartet geduldig auf seinen Einsatz, während die leere Wodkaflasche danach schreit, entsorgt zu werden. Angewidert verziehe ich das Gesicht und greife nach meinem Regenmantel. Meine kaffeegetränkte Second–Hand–Bluse habe ich vollkommen vergessen. Ohnehin habe ich keine Zeit mehr, mich umzuziehen. Ich bin spät dran und muss den Zug erwischen. »Gottverdammt!«, fluche ich. Scharfer Schmerz schießt durch meine lädierte rechte Schulter, als ich mir den Riemen meiner Tasche umhänge. Hastig prüfe ich den Inhalt und kontrolliere, ob sich Portemonnaie und Handy an ihrem Platz befinden. Dann stürze ich zur Tür. Mein Wohnungsschlüssel liegt in einer Schale, die wie ein Sinnbild der Freiheit auf einem Regalbrett der Flurgarderobe thront.
Als ich die Haustür öffne, höre ich hinter mir ein Rumpeln, gefolgt von einem lauten Klirren. Und ein noch lauteres Fluchen, das mir böses Herzklopfen beschert. »Verdammt, Summer, warum hast du das nicht aufgeräumt?« Scheppernd dröhnt Chucks wütende Stimme mir um die Ohren. Ich möchte im Boden versinken und mich in Luft auflösen, als hätte ich niemals existiert. »Später. Muss zur Arbeit«, rufe ich knapp und sehe zu, dass ich Land gewinne. Offensichtlich ist Chuck wieder einmal im Halbschlaf über seine leeren Bierflaschen gestolpert. Er trinkt in letzter Zeit zu viel und ist übellaunig. Wer verträgt am meisten, spielt er jeden Abend, meistens mit sich selbst, wenn er nicht gerade mit seinem Bruder und zwielichtigen Kumpels unterwegs ist. Er arbeitet nicht und erledigt im Haushalt nur das Allernötigste. Seit er seinen Job bei der Versicherung verloren hat, ergibt er sich immer mehr seinen fragwürdigen Gelüsten, was mir aufs Gemüt schlägt, da auch unser Miteinander darunter leidet. Beklommen lege ich meine Hand auf die Türklinke. Gerade, als ich das Haus verlassen will, werde ich plötzlich nach hinten gerissen und lande mit einem dumpfen Platschen auf meinem knochigen Hinterteil. »Ich werde dich fahren«, sagt Chuck ruhig, aber bestimmt. Seine Tonlage duldet keinen Widerspruch und sofort breitet sich ein unangenehmes Prickeln auf meiner Haut aus. Wie ein zweischneidiges Schwert bohrt sich sein harter, stechender Blick in mein Herz und versucht, mich zu erdolchen. Mein Inneres zieht sich zusammen und ich fühle mich noch schlechter als ohnehin schon. Der eisige Klumpen in meinem Magen wiegt schwer wie Blei. Chucks Gesichtszüge bringen deutlich zum Ausdruck, was mir schwer auf der Seele lastet. Ich bin einfach nicht gut genug und werde es wohl niemals sein.

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