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Nancy und Eli waren unterdessen schon an der Station angekommen. Die Module neben der Rettungskapsel waren noch intakt. Sie öffneten die Schleusentür jenes Moduls, von dem aus sie direkt in die Kapsel steigen konnten. Nancy ging hinein, während Eli an der Außenseite der Rettungskapsel einen Check machte.
"Hi Nancy", ertönte es im Kopfhörer. "Da liegt jede Menge Schrott an der Seite der Kapsel. Ich versuche ihn wegzuräumen.", sagte Eli.
Nancy: "Sei vorsichtig, damit du deinen Anzug nicht ruinierst. Die Anzeige an der Wand zeigt, dass es keinen Sauerstoff im Modul gibt. Ich hoffe, dass wir Sauerstoff in der Rettungskapsel haben, sonst ist es aus mit uns. Setz bloß den Helm nicht ab, wenn du reinkommst."
Nancy drehte den kleinen Bordcomputer der Rettungskapsel auf. Lichter gingen an. Er schien zu funktionieren. Die Anzeige des Stickstoff- und Sauerstofftankes zeigte einhundert Prozent. Treibstoff war ebenfalls voll. Nancy war erleichtert.
Nancy sagte: "Wenn wir in der Rettungskapsel sind, werden wir wieder Luft zum Atmen haben. Wo bleibst du? Hier ist alles startbereit."
Eli antwortete: "Ich habe die großen Trümmer auf der Seite der Rettungskapsel weggeräumt, anscheinend ist eine Steuerungsdüse beschädigt."
Nancy sagte: "Egal, wir haben ohnehin keine Wahl. Wir können sie nicht reparieren. Komm endlich herein."
Nancy blickte nach vorne, wo sich langsam ein glühendes Leuchten durch das letzte Modul fraß. Die Sekunden vergingen. Jede Sekunde kam Nancy wie eine Minute vor. Verdammt. Nie ist ihr aufgefallen, dass die Zeit so langsam vergehen kann.
Nancy schrie ungeduldig: "Verdammt noch mal, wo bleibst du so lange?"
Im selben Moment erschien Eli am Eingang und zeigte hinter sich.
Eli sagte: "Ich denke, da kommt Carlos."
Er zeigte auf ein Mondmobil, welches auf sie zugerast kam. Dahinter bildete sich eine große Wolke des Mondsandes und noch weiter dahinter brannte eine Mondstation.
Nancy: "Dann hat er es doch noch geschafft. Wir werden beim Flug etwas zusammenrücken müssen."
Eli: "Mit dem Reservesauerstoff sollte es auch klappen, dass wir genug zu atmen haben."
Nancy sagte: "Mach mal die Sicherheitsverriegelungen der Rettungskapsel los. Die sitzen sehr fest. Ich behalte das Auto im Auge."
Nancy kletterte aus der Rettungskapsel heraus und stellte sich zum Eingang des Modules. Während Eli versuchte, die klemmenden Verriegelungen zu lösen, blieb das Auto vor dem Modul stehen. Langsam legte sich die Wolke, welche das Bremsmanöver des Fahrzeuges verursacht hatte. Nancy klappte ihr Unterkiefer nach unten.
Nancy: "Oh Shit!"
Eli: "Was ist los?"
Nancy schrie: "Carlos ist im Auto - allerdings tot! Stattdessen steigt Nolem eben aus!"
Eli: "Was?"
Nolem torkelte auf Nancy zu. Hinter Nancy leuchteten die gelben Lichter der Rettungskapsel, welche jemand als Paradies auf Nolems Zeichnung bezeichnet hatte.
Nolem lächelte, er hatte doch recht! Es gab ein Paradies.
Nancy stand vor ihm. Sie war aus dem Modul herausgekommen. Ihr Visier spiegelte sehr und Nolem hatte Mühe, die Details von ihrem Gesicht erkennen zu können. Nolem sah in ihre leuchtenden smaragdgrünen Augen, ihre kleine Narbe an der rechten Wange. Er fand diese erotisch, schön. Nancy mochte sie gar nicht. Sie hasste diesen kleinen Schnitt, zu tief waren die Schmerzen, welcher er verursacht hatte. Nolem hörte kaum noch ihre Stimme in seinem Kopfhörer. Er spürte auch kaum noch die Schmerzen in seiner Brust. Zu groß war der Sauerstoffentzug, sodass er nur mehr ein Bild sah: Ihr Gesicht, in einem gelb leuchtenden Schein.
Nolem sank vor Nancy auf die Knie und fiel vor ihr auf sein Gesicht. An seiner Hand blinkte ein rotes Alarmsignal. Der Sauerstoff seiner Flasche war auf null Prozent gesunken. Eli kam hinter Nancy hervor. Er blickte von Nolem zu Carlos und wieder retour.
"Ich denke, es ist Zeit, dass wir aufbrechen.", sagte er.
Sie kletterten wieder in die Kapsel. Nancy schloss die Ausstiegsluke und drückte den Knopf für die Sauerstoffzufuhr. Es funktionierte. Das Sauerstoff-Stickstoff-Gemisch strömte in den Innenraum. Sie klappten ihre Visiere hoch und atmeten ein. Alles in Ordnung. Sie versuchten Funkkontakt mit der Erdstation aufzunehmen und hofften, dass die Hochleistungsantenne funktionierte.
Johan meldete sich sofort.
"Oh mein Gott. Ihr seid am Leben!", schrie er.
"Johan!", rief Nancy.
Johan: "Die Crew von dem Mondshuttle hat mir schon einiges berichtet. Wir haben auch die Nachricht von Nolems Raumfrachter erhalten. Verschwendet keine Zeit und kommt weg von dort."
Nancy antwortete: "Alles klar! Wir haben ein defektes Steuermodul, aber wir werden es schon schaffen!"
Sie schnallten sich an. Eli drückte den Startknopf, um die Rettungskapsel vom Mond abheben zu lassen. Die Kapsel rüttelte und schoss hinauf. Die komplette Kapsel wurde in eine starke Rotation versetzt. Eli versuchte gegenzusteuern. Während er die kleinen Sprengladungen zu zünden versuchte, um einen stabilen geradlinigen Flug zu erhalten, löste sich explosionsartig die Düse von der Kapsel ab und ein großer Feuerstrahl schoss heraus. Nun flogen sie mit hoher Geschwindigkeit parallel zur Erde entlang. Da sie sich noch immer drehten, sahen sie abwechselnd Erde und Weltall. Nancy wurde übel. Sie schloss die Augen. Eli versuchte mit der verbliebenen Düse die Rotation zu stoppen. Es funktionierte. Endlich wurde die Rotation verlangsamt. Letztendlich hörte sich die Kapsel komplett auf zu drehen.
"Nancy?", fragte Eli.
Sie öffnete die Augen und sagte: "Ja. Alles in Ordnung."
Sie blickte zur Erde und sagte leise: "Sieht nicht so aus… …als würden wir auf die Erde zufliegen."
Eli nickte. Sie sahen sich in die Augen. War es das? War ihr Leben vorbei?
"Kein Treibstoff mehr?", fragte sie.
"Kein Treibstoff mehr.", sagte er langsam.
"Johan? Kannst du uns hören?", fragte Nancy.
"Hier Johan, ja sehr deutlich, die Hochleistungsantenne funktioniert gut. Was ist los?", fragte er.
"Eine Steuerdüse hat sich verabschiedet und mit ihr der Treibstoff. Wir fliegen mit hoher Geschwindigkeit parallel zur Erde entlang. Wir haben keine Möglichkeit zurückzufliegen.", sagte Eli.
Stille.
"Vielleicht könnte euch das Ende des Magnetfeldes am Rande der Erde herunterdrücken.", sagte Johan.
"Wohin denn? Wir würden mit dem Partikelsturm mitfliegen und am Rand zerschellen, wenn wir nicht davor verglühen.", antwortete Eli.
Stille.
"Es tut mir sehr leid.", sagte Johan traurig.
"Mir auch. Es war schön, dich kennen gelernt zu haben.", sagte Eli.
Johan meldete sich: "Nancy, Eli. Ihr seid die wunderbarsten Menschen, die ich jemals kennengelernt habe. Es tut mir so leid, euch in diese Lage gebracht zu haben. Ich wusste nicht,…"
Nancy unterbrach ihn: "Es war nicht deine Entscheidung. Wir haben gewusst, dass es eine Mission mit Risiko war."
Nancy sah zu Eli. Ihm kullerte eine Träne die Wange herunter. Sie waren noch so jung. Die vielen Pläne, die sie hatten - ein Baby oder mehrere?
"Was, wenn wir uns entschieden hätten, ein Baby zu bekommen? Wo wären wir wohl jetzt?", fragte Eli.
Nancy antwortete: "Wir könnten vor einem schönen Haus auf der Veranda sitzen, meinen Babybauch streicheln, frische Waldluft atmen, den Vögeln zuhören."
Nancy atmete tief durch. Wie lange sie noch fliegen würden? Bis zum Ende des Magnetfeldes? Eine Stunde? Vielleicht zwei? Würden sie darüber hinaus in das Weltall schießen? Dann könnte es noch ein sehr langer Flug werden - bis ihre Atemluft verbraucht wäre - und Atemluft hatten sie genug.
"Was denkst du, wo unsere Reise enden wird?", fragte Eli.
Nancy antwortete: "Die Kapsel hat ein Hitzeschild und wir sind verdammt schnell. Ich denke nicht, dass der Partikelstrom, welcher das Magnetfeld auf das Ende der Erde lenkt, uns verglühen lassen wird. Vielleicht lenkt er uns etwas von der Bahn ab, aber ich denke, wir werden mit einer Biegung weiter in das Weltall schießen, bis unser Sauerstoff aufgebraucht ist."
"Das wird eine lange Reise", sagte Eli.
"Wie es sich wohl anfühlt, wenn uns der Sauerstoff ausgehen wird?", fragte Nancy und blickte zu Eli.
Auch ihr liefen nun Tränen über das Gesicht. Eli zog die dicken Handschuhe von seinem Anzug runter und versuchte ihre Tränen mit einem Finger wegzuwischen.
"Wir werden es nicht mitbekommen. Die Sauerstoffarmut wird uns so betäuben, dass wir einfach einschlafen werden.", sagte er.
"Hoffen wir es.", antwortete sie.
"Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?", fragte ihn Nancy.
Eli antwortete: "Ich weiß es nicht. Aber ich würde es mir wünschen. Wenn nicht, habe ich ohnehin nichts zu verlieren. Ich liebe dich so sehr Nancy. Ich wünschte, wir könnten zukünftige Leben miteinander verbringen."
"Oh, ich liebe dich Eli. Vielleicht werden wir das auch.", sagte Nancy.
Auch sie zog ihre Handschuhe aus. Sie nahmen die Helme ab, damit sie sich küssen konnten. Alles in der Welt würden sie nun geben, um ihre dicken Anzüge ausziehen zu können, nur damit sie sich noch einmal umarmen könnten. Sie hielten ihre Hände und steckten ihre Köpfe zusammen. Sie genossen die Stille und ihre Nähe und wünschten, dass dieser Augenblick für die Ewigkeit sein würde.
Stille.
Zwei Stunden später begann die Rettungskapsel zu rütteln.
Es war so weit. Sie hatten das Ende der Welt erreicht und flogen durch den Partikelsturm. Die Erde kam etwas näher, der Sturm der glühenden Partikel erhitzte ihre Kapsel und drückte sie neben der Erdenscheibe nach unten. Das Rütteln ließ nach. Sie hatten den Partikelsturm durchdrungen. Die Kapsel wurde so weit abgelenkt, dass sie nun exakt senkrecht an der oberen Erdenhälfte vorbeiflogen. Wären sie über der Erdoberfläche, würden sie die Erde komplett überqueren. Sie waren die ersten Menschen, welche den Rand der Erde von der Seite sahen.
"So schön, unser Planet.", sagte Nancy.
"Eine Scheibe aus drei Schichten, Eis, Feuer und wieder Eis.", sagte Eli.
Sie hatten die weiße antarktische Schicht passiert und flogen eben am roten brennenden Kreis vorbei.
An der Unterseite der Erde erschien wieder eine weiße Schicht. Die Kapsel fing wieder an zu rütteln. Sie mussten eben in das Magnetfeld der Untererde eingedrungen sein. Sie wurden ein weiteres Mal Richtung Erde gedrückt. Sie sahen verschwommene Lichter.
Nancy drückte wieder auf die Kommunikationstaste: "Oh mein Gott, Johan, kannst du uns hören?"
Johan war im Kontrollraum. Neben ihm stand Ravi Kumar und vor ihnen eine ganze Crew aus Technikern. Sie erwarteten nicht noch einmal Kontakt mit Nancy und Eli zu haben.
Erschrocken meldete er sich: "Ja! Es rauscht sehr, aber ich kann euch noch hören!"
Nancy meldete sich: "Johan…" "…" "Hier…" "…" "…Ziv…"
"Was? Es rauscht zu sehr? Nochmals!", sagte Johan.
"…gibt…" "…lisati…." "…lebe…", hörten sie nochmals rauschend ihre Stimme.
"Nancy? Eli?", rief Johan.
Keine Antwort.