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  • Babas Vermächtnis • Michael Hetzner

Buchtitel

Hamburg 2018

Der große Rasputin ist schrecklich wütend. Das kann sie bis in den zweiten Stock hören. Er hat seine AK 47, sein Fräulein Kalaschnikow, auf Dauerfeuer gestellt. Die Kugeln rasen mit 700 Meter pro Sekunde aus dem Lauf. Muss der große Rasputin jetzt schon mitten in der Nacht seinem Hobby nachgehen? An Schlafen ist nicht mehr zu denken. Swetlana öffnet die Augen und vergräbt sich ein letztes Mal in der roten Decke und genießt das Satin, das ihre Haut streichelt. Die Kalaschnikow hämmert wieder los. Pro Minute können 600 Schuss durch den Lauf rasen. Rein theoretisch, denn das Bananenmagazin der AK 47 fasst nur dreißig. Macht acht Euro und neunzig Cent pro Magazin. Aber so viel zahlt er natürlich nicht. Als Großhändler sitzt er an der Quelle. Mit einer Stückzahl von tausend Schuss oder zwanzig Kalaschnikows braucht man ihm gar nicht erst zu kommen. „Schau dich am Hauptbahnhof oder am Hafen um und stiehl mir nicht meine Zeit“, sagt er dann verächtlich.
Zum Glück dringt kein Laut von der Wut des großen Rasputins nach draußen. Der schallisolierte Schießstand war der eigentliche Grund, weshalb sie dieses Haus in Harvestehude gekauft haben. Sie haben sich schönere Villen angesehen und größere. Aber eines war von vornherein klar. Wenn ihr Papenka, ihr Vater, in dieser vornehmen Gegend weiter seinem geliebten Hobby nachgehen wollte, dann brauchte er einen schallisolierten Schießstand. Sonst hätten die feinen Bürger nebenan bereits nach der ersten Salve die Polizei gerufen. Sicher, es hätte keine größeren Probleme gegeben. Denn der große Rasputin besitzt alle Papiere, die er braucht: Waffenschein, Waffenbesitzkarte, Munitionserwerbsschein, Nachweis über die Sachkundeprüfung und und und.
Die Deutschen sind furchtbar kleinlich. Nicht wie bei ihm zu Hause, wo man zwar auch ein Dokumentchen braucht, aber dort genügt es, wenn es ein Scheinchen mit dem richtigen Bild ist. Am weitesten kommt man natürlich mit der Chabarowsker Amurbrücke. Nicht wegen der Brücke, sondern weil daneben die schöne Zahl von 5000 steht. Aber oft reicht auch schon weniger. Natürlich legt man das Scheinchen nicht offiziell vor, sondern schiebt es diskret in die ausgestreckte Hand oder, noch besser, unter einen dicken Aktenordner, der genau zu diesem Zweck auf dem Schreibtisch ganz in Nähe des Besucherstuhls liegt. Die Menschen von den Behörden müssen auch leben, denkt man sich und fühlt sich gleich als besserer Mensch. Und mit den richtigen Beratern kann man das Geld sogar von der Steuer absetzen. Die Scheinchen, wie man diese Art von Dokumenten liebevoll nennt, können so gut wie jedes Problem aus der Welt schaffen. Auch einen lästigen Konkurrenten. Damit kennt sich ihr Papenka aus. Das ist seine Welt.
Nach der nächsten Salve blickt Swetlana auf den Wecker. 7:03 Uhr. Mitten in der Nacht und viel zu früh, um aufzustehen. Aber einschlafen geht jetzt auch nicht mehr. Also beschließt sie, in die Schule zu gehen. Warum soll sie Bismarck nicht hin und wieder eine Freude machen? Sie rekelt sich ein letztes Mal, dann steht sie auf.
Wie zu einer Morgenandacht geht sie bedächtig in ihre russische Ecke und setzt sich in den großen Sessel. Daneben steht ein runder Tisch, auf dem ein glänzender Samowar glüht. Clawdia, das Dienstmädchen aus Dagestan, schleicht jeden Morgen ganz früh auf Zehenspitzen in das Zimmer und richtet den Russentisch her. Sie entzündet den Samowar und stellt frische Sachen bereit. Danach schließt sie leise wie in Vögelchen die Tür.
Swetlana beginnt mit ihrer Zeremonie. Sie zündet eine frische Honigkerze an und spricht Verse der Achmatowa.

Dies schenk ich dir statt Rosen auf dem Grab,
anstatt das Weihrauchfass zu schwenken.
Wer hätte je so streng gelebt wie du
Und großartig verachtet bis zum Ende.
Du bist nicht mehr – und ringsum alles schweigt
Von diesem schmerzerfüllten Leben.
Nur meine Stimme wird die Flöte sein,
auch deiner stummen Totenfeier tönend.
Wer hätt geglaubt, dass ich, halb bei Verstand,
ich Klageweib, beweinend tote Tage

Diese Stunde gehört ihr und Baba. Obwohl der Samowar nicht durch ein Holzfeuer zum Kochen gebracht wird, riecht es für Swetlana nach Holz, Tannenzapfen und frischem Brunnenwasser. Sie nimmt das Kännchen, das auf dem Kessel steht, und gießt Teekonzentrat in zwei Gläser. Dann füllt sie sie mit Wasser auf und gibt einen Löffel Marmelade dazu. Swetlana nimmt einen Schluck von dem süßen Schwarztee und schließt die Augen.
Wie jeden Morgen steigt Babas schlankes Gesicht mit den wachen Äuglein in ihr auf. Und mit ihm die Verse der Achmatowa. Unhörbar formen Swetlanas Lippen die Worte.

Wir badeten zu zweit im warmen Meere,
Und ihre Kleider, schien mir, waren seltsam,
Noch seltsamer die Lippen – jedes Wort
Fiel wie ein Stern in den Septembernächten.
Das schlanke Mädchen lehrte mich zu schwimmen,
Mit einer Hand nur hielt sie meinen Körper,
Der unerfahren war, auf hohen Wellen.
Oft stand sie reglos in der blauen Flut,
Um ohne Eile lang mit mir zu sprechen

Swetlana hat mit ihrer Großmutter nie im Meer gebadet. Trotzdem trifft dieses Gedicht, das Baba so liebte, genau das, was Swetlana bis heute für sieempfindet. Ohne Baba wäre sie nichts. Baba hat sie in die wunderbare Welt der Literatur eingeführt, hat ihr gezeigt, dass es hinter dem Schmutz dieser Welt eine andere Welt gibt. Eine Welt voller Tiefe und Poesie, die einem hilft, das Leben zu ertragen. Swetlana sieht mit geschlossenen Augen, während sie die Verse spricht, ihr Sternbild am Himmel. Das Sternbild des Einhorns. Es steht fest an seinem Platz, hell und unverrückbar. So, wie es noch dastehen wird, wenn es sie selbst längst nicht mehr geben und die letzte Erinnerung an Baba sich aufgelöst haben würde. Ihr Sternbild und Achmatowas Verse, das gehört zusammen wie sie und Baba, obwohl diese schon vor über vier Jahren diese Welt verlassen hat. Aber Baba lebt in ihr weiter und damit auch das Versprechen, das sie Baba gegeben hat. Ein Versprechen, das für Swetlana Bürde und heilige Pflicht ist.
Ganz langsam, um den Zauber nicht zu zerstören, steht Swetlana auf und geht ins Bad. Nach einer langen Dusche betritt sie ihren begehbaren Kleiderschrank. Soll sie das weiße Etuikleid von Madeleine nehmen oder das superkurze in Schwarz von Prada? Oder doch lieber das mintgrüne von Valentino? Schließlich entscheidet sie sich für ein schlichtes cremefarbenes Kleid aus Rohseide von Dolce & Gabbana. Jetzt die Schuhe. Nachdem sie ein gutes Dutzend anprobiert hat, wählt sie ein paar Sandaletten von Jimmy Choo. Dazu eine Schultertasche von Gucci. Kein Schmuck, nur die Armbanduhr von Bvlgari, die ihr der kleine Rasputin zu ihrem vierzehnten Geburtstag geschenkt hat. Sie steht lange vor dem Spiegel und betrachtet sich. Soll sie nicht lieber die Handtasche von Saint Laurent nehmen oder das hellblaue Kleid von Roberto Cavalli? Aber eigentlich passt alles zusammen. Seufzend wendet sie sich vom Spiegel ab. Immer diese Qual am frühen Morgen!
In die Handtasche passen natürlich keine Schulbücher. Also hat sie alle doppelt. Einmal auf ihrem Schreibtisch, einmal unter ihrer Schulbank. Sie hat die Tür schon in der Hand, da fällt ihr die Sonnenbrille ein. Rasch rennt sie zurück und schiebt sie sich ins Haar.
Sie geht nach unten und öffnet leise die Tür ins Wohnzimmer. Doch heute ist nicht ihr Glückstag. Sie liegt zusammengekrümmt auf der Couch, ihr lachsfarbener String hängt über dem Stiletto am linken Bein, sonst ist sie nackt. Sie hebt leicht den Kopf.
„Guten Morgen, Tatjana Valentina“, sagt Swetlana, denn auf solche Förmlichkeiten legt ihre Mutter großen Wert.
Ein paar verquollene Augen blicken Swetlana an.
„Hast du bemerkt, dass gestern gegenüber neue Mieter eingezogen sind?“, fragt ihre Mutter verschlafen.
Swetlana schüttelt den Kopf.
„Du achtest natürlich nicht auf so was.“ Weinerlich und vorwurfsvoll.
Wie soll Swetlana darauf achten, wenn die Villen in dieser Gegend ein paar hundert Meter auseinanderstehen?
„Wie die schon aussehen …“, sagt Tatjana Valentina und zeigt zu dem großen Fernrohr, das an der breiten Fensterfront steht.
„Wie denn?“, fragt Swetlana pflichtbewusst.
Unter dem schweren Tisch in der Mitte des Zimmers rülpst jemand. Hätte sich Swetlana denken können.
Tatjana Valentina winkt ihre Tochter ganz nahe zu sich. Als ihr Ohr fast den Mund von Tatjana Valentina berührt, riecht Swetlana den Körper ihrer Mutter. Auch Chanel No. 5 kann den Geruch nach Sex, Schweiß und Alkohol nicht vertreiben. Und ein bisschen riecht es schon nach Verfall und Tod. Tatjana Valentina flüstert: „Diese runden Gesichter, die Bärte, der aggressive Blick … Tschetschenen.“
Die verquollenen Augen von Tatjana Valentina haben so gar nichts von den klaren Augen Babas, die zwei helle Sterne in der abstoßenden Welt des Kommunismus gewesen waren. Von Babas weiter Seele lebt kein Fünkchen in deren Tochter fort. Erst Swetlana, die Enkelin, ist wieder erfüllt von jenem Feuer und dem Geist der großen russischen Seele, die eine Kultur hervorgebracht hatte, die ewig bestehen würde. Tatjana Valentina war die große Enttäuschung in Babas Leben gewesen. Weinerlich und oberflächlich. Ihre Wünsche reichten nie weiter als bis zum nächsten Liebhaber, zu einem billigen Fetzen von Kleid und ein paar Schuhen mit Absätzen so hoch, dass sie darin wie eine Nutte der Kategorie 3 aussah. Der Anblick ihrer Mutter erinnert Swetlana Tag für Tag an das Versprechen, das sie Baba gegeben hatte.
„Tschetschenen“, flüsterte Tatjana Valentina noch einmal weinerlich. Swetlana muss die Lippen zusammenpressen, um nicht laut zu lachen.
„Du nimmst das natürlich nicht ernst.“
Wieder ein Rülpser unter dem Tisch. Dann ein lauter Furz. Das ist Walter, Tatjanas aktueller Liebhaber. Swetlana muss an ein russisches Sprichwort denken: Das Schwein fühlt sich im Dreck am wohlsten. Walter ist so fett wie ein Schwein und dringend auf Tatjanas Scheinchen angewiesen. Der sollte sich einmal Magen und Darm untersuchen lassen, denkt Swetlana, sonst könnte es sein, dass sich ihre Mutter bald nach einem neuen Liebhaber umsehen muss. Wird auch immer schwerer für sie.
Noch einmal flüstert Tatjana Valentina „Tschetschenen“, dann schließt sie die Augen.
Swetlanas Mund berührt fast die Stirn ihrer Mutter. „Ich gehe in die Schule, Mutter“, sagt sie. Aber ihre Mutter reagiert nicht.
Swetlana dreht sich um und will das Zimmer verlassen. Doch dann sieht sie einen großen Umschlag auf dem Tisch liegen. Als Absender liest sie Premium Stage Theater, Hamburgs größtes Musical-Theater. Als Swetlana den Umschlag in die Hand nehmen will, schlägt ihre Mutter die Augen auf, und ihre Blicke kreuzen sich. Rasch nimmt Tatjana Valentina den Umschlag und schiebt ihn unters Bett. Wieder eine Absage, denkt Swetlana. Dann kreuzt ein zweiter Blick von Tatjana Valentina den ihrer Tochter: Hat Swetlana etwas bemerkt? Swetlana sieht, dass in den Augen ihrer Mutter jene Leere liegt, die ihr selbst auch bekannt ist, und wendet sich ab.
Irgendwie liebt sie ihre Mutter doch. Ein bisschen. Die arme Tatjana Valentina. Vor ein paar Monaten hatte Swetlana aus Versehen einen Umschlag in diesem Format geöffnet. Erst als sie die zurückgesandten Unterlagen sah, erkannte Swetlana, dass der Brief nicht ihr galt. Tatjana Valentina hatte sich bei einer der kleinen Hamburger Bühnen für die Rolle in einem Musical beworben. Als Referenzen hatte sie ihre Zeugnisse vom Moskauer Dubrowka-Theater beigefügt. Swetlana überflog das Ablehnungsschreiben: „Sehr geehrte … leider bedauern wir … bla bla bla … kommen Sie für die Rolle nicht in Frage … bla bla bla …“ Die arme Tatjana Valentina, hatte Swetlana damals gedacht, sie gibt nicht so schnell auf. Dabei ist doch klar, dass sie nie wieder Theater spielen wird. Sie würde keine einzige Vorstellung durchhalten, dazu war inzwischen zu viel Alkohol durch ihre Kehle geflossen. Eigentlich tragisch. Aber nicht zu ändern.
Zwei Schritte vor der Tür versperrt Walters massiger Körper Swetlana den Weg.
Er ist unter dem Tisch hervorgekrochen und versucht, auf die Beine zu kommen. Aber er schafft es nur auf die Knie, dann kippt er wieder nach unten und liegt da, die Hände weit von sich gestreckt. Wie ein Gekreuzigter. Swetlana murmelt „svinja“, Schwein, und steigt über ihn hinweg. Dabei passiert ihr ein Missgeschick. (Sie kann ja so ungeschickt sein, wenn sie will.) Einer ihrer Absätze bohrt sich in die Haut zwischen Walters Daumen und Zeigefinger. Walter brüllt auf, als würde ihn jemand abstechen. Als er Luft für den nächsten Schrei holt, hört Swetlana Tatjana Valentina im Halbschlaf „Tschetschenen“ flüstern. Sie schließt die Tür.
Im Flur überlegt sie einen Augenblick, dann nimmt sie die Schlüssel vom Maserati. Im Wintergarten begrüßt sie das Zwitschern von Iwan dem Schrecklichen. Mit den Federn auf dem Kopf, die nach oben abstehen, und seinem grimmigen Blick erinnert sie der Vogel an den gefürchteten russischen Zaren.
„Guten Morgen“, sagt sie zu dem Kakadu. Swetlana schiebt eine geschälte Paranuss durch die Gitterstäbe. Sie geht zur zweiten Voliere, in der zwei weitere Artgenossen von Iwan sitzen. Iwan kreischt auf. Das Vieh ist so was von eifersüchtig. Normalerweise sind Kakadus sehr gesellig, doch bereits am ersten Tag richtete Iwan der Schreckliche seine zwei Artgenossen so zu, dass Swetlana ihn isolieren musste. So ist dieses Vieh: stolz und einsam. Ohne recht zu wissen, was sie tut, steckt Swetlanas rechte Hand ein Päckchen Vogelfutter ein.

Piter 2013

Hier unten am Betonufer, wo früher die Schiffe der Flusskreuzfahrten Moskau – Sankt Petersburg anlegten, gefiel es Swetlana immer am besten. Die Sterne spiegelten sich im Wasser des Flusses: strahlende Pünktchen in einer zerfallenden Welt. In sieben Milliarden Jahren, wenn die Sonne erlischt, werden auch die Sterne zu leuchten aufhören, und das Leben auf der Erde wird vergehen. Für Swetlana reicht die Zeit, aber was soll sie noch hier, jetzt, wo ihre Baba tot ist? Baba war der einzige Mensch, der sie verstand. Der große Rasputin ist mehr der ideale Geschäftspartner, als Papenka ist er wenig geeignet. Er denkt, alle Menschen, und besonders seine Tochter, seien als Bizznezz Man auf die Welt gekommen. Er kann Swetlana stundenlang die Vor- und Nachteile eines Schweizer Nummernkontos erklären, aber wenn sie Zahnschmerzen hat, ist er hilflos. Ihre Mutter: ebenfalls Fehlanzeige. Wenn Swetlana vor Kummer die Tränen übers Gesicht laufen, seufzt Tatjana Valentina tief wie eine schwer geprüfte Frau und versucht, ihre Tochter mit den neuesten Modezeitschriften abzulenken. Da kennt sie sich aus. Und bei ihrer verpfuschten Karriere. Daran waren angeblich die Tschetschenen schuld. Aber Swetlana glaubt, in Wirklichkeit lag es an Tatjanas fehlendem Talent. Der einzige Mensch, der Swetlana helfen konnte, war Baba. Trotz ihrer achtzig Jahre war sie immer noch eine schöne Frau. Sie war die Seele von Swetlanas Welt.
So schön Sankt Petersburg mit seinen über hundert Inseln, seinen dreihundertfünfzig Brücken, seinen Palästen, Kathedralen und Herrenhäusern im Frühling und Sommer ist, im Winter ist es so hässlich und grau wie eine alte Nutte. Im Winter hatte Swetlana keine Lust auf die Eremitage oder den Newskij-Prospekt, der in Schnee und Matsch versank. Dann konnte ihr nur noch Baba helfen. Oft stieg Swetlana leichtfüßig die alte Treppe hoch und saß mit ihrer Baba in dem mit Büchern vollgestopften Wohnzimmer.
Jetzt gab es nur noch sie beide und die Kerzen mit ihrem warmen Licht. Und Babas gütige Äuglein und den Samowar. Zu den mit Erdbeermarmelade gefüllten Piroggi gab es Bliny und Schwarztee, und sie tranken, bis die Kerzen heruntergebrannt waren und der goldene Mond ins Zimmer blickte. Dann schauten sie in den Nachthimmel, und Baba zeigte Swetlana den kleinen Planeten 3067. „Schau“, sagte sie, „diesen Planeten haben zwei russische Astronominnen nach der großen Anna Achmatowa benannt.“ Babas Zeigefinger wies zu einem Sternbild östlich des Orions.
„Das bist du“, sagte sie.
„Ich?“
„Das Einhorn.“
Mehr sagte sie nicht, und Swetlana fragte nicht nach. Manchmal sprach Baba in Rätseln, weil sie Swetlana etwas zum Nachdenken aufgeben wollte. Alles, was Swetlana an Bildung besitzt, verdankt sie ihrer Baba. Als Swetlana drei war, las Baba ihr die ersten Gedichte von Puschkin vor und nahm sie mit in die Philharmonie, wo sie den berühmten Igor Oistrach hörte. Als sie zehn wurde, fand Baba, sie sei nun alt genug für Dostojewskis Schuld und Sühne. Später kamen Anna Karenina hinzu und die Werke von Schiller, Goethe und Kafka. Und natürlich die von der großen Achmatowa.
Baba liebte es, ins Kino zu gehen. Nach und nach starben fast alle ihre Freundinnen weg. Zum Schluss blieb ihr nur noch eine Frau mit sehr dunklen und krausen Haaren, Tamara Josefowna. Auf der Stirn, exakt über der Nasenwurzel, trug sie ein kleines Pflaster. Einmal sagte Baba zu Tamara Josefowna: „Wenigstens hier kannst du dein Pflaster abnehmen.“ Doch sie tat es nie. Baba erklärte Swetlana, es sei ein Muttermal mit einer ganz besonderen Form.
Nachdem fast alle von Babas Freundinnen nicht mehr da waren, begleitete Swetlana Baba oft ins Kino. Wenn Baba wissen wollte, ob Swetlana Lust hätte, mit ihr einen neuen Film anzugucken, rezitierte Baba die Verse von Jewgeni Jewtuschenko:

Wie schmachvoll allein ins Kino zu gehn,
ohne Freund,
ohne Freundin …

Dann zogen sie ihre wattierten Jacken an, und weg waren sie. Und jetzt ist Baba, die geliebte Babuschka, tot. Sie ist gestorben, wie sie gelebt hat. Still und friedlich. Als Swetlana gestern Morgen zu ihr hochstieg, saß sie aufrecht in ihrem Sessel. In der einen Hand hielt sie ihr Teeglas, in der anderen den Gedichtband Abend von Anna Achmatowa. Der Daumen ihrer Hand zeigt auf das Gedicht Lied von der letzten Begegnung.

Hör das Lied der letzten Begegnung.
Völlig dunkel das Haus vor mir stand
Nur im Schlafgemach, gelb, ohne Regung,
haben gleichgültig Kerzen gebrannt.

Wenn Swetlana nur eine von diesen gleichgültigen Kerzen sein könnte, vielleicht würde der Schmerz in ihr vergehen. Einfach hier unten am Kai sitzen und erlöschen, das ist ihr einziger Wunsch. Sie will nicht mehr zurückkehren in ihr Elternhaus, das nun völlig kalt und dunkel ist, ohne die Baba, die ihr Leben gewärmt und erleuchtet hat. Nicht einmal richtig verabschieden haben sie sich können. Da gibt es nur diesen letzten Blick aus Babas Augen, der auf Swetlana gerichtet war und sagte: „Ich habe dich alles gelehrt, was ich konnte. Ab jetzt musst du allein klarkommen. Ich weiß, dass du das schaffen wirst.“
Baba hatte sich in der Nacht in aller Stille auf den Weg gemacht, aber nicht ohne einen letzten Gruß an Swetlana. Neben zwei Kerzen glühte der Samowar, und am Morgenhimmel glänzten die Sterne. Mitten unter ihnen das Einhorn. In Babas Augen lag immer noch Güte, aber auch ein gewisser Ernst. Als wollte sie ihre Enkelin ein letztes Mal an ihren großen Wunsch erinnern. Und an den Professor. Auch wenn sie es nie ausgesprochen hatte, wusste Swetlana, was sie sich von ihr wünschte. Zu Lebzeiten konnte Swetlana ihr diesen Wunsch nicht erfüllen, dazu starb Baba zu früh.
Als Swetlana langsam die Stufen hinunterstieg, um ihre Eltern vom Tod der Großmutter zu benachrichtigen, war sie fest entschlossen, Babas letzten Wunsch zu erfüllen. Aber das würde dauern. Und es würde nicht leicht werden. Doch wie sagt der Russe: Das Wort ist kein Spatz. Sobald es entflogen ist, kann man es nicht mehr einfangen.

Hamburg 2018

Während Swetlana die Tür zum Klassenzimmer öffnet und an ihren Platz geht, sieht sie, wie ihr die Augen des Krümelmonsters folgen und seine Lippen ein unhörbares Wort formen: RS, Russenschlampe. Dabei blickt das Krümelmonster Leyla und Jenny triumphierend an. Natürlich geht Swetlana das nichts an. Trotzdem beschließt sie einmal mehr, dass sie dem Krümelmonster irgendwann den Lauf einer Kalaschnikow in den Hintern rammen wird.
Hering strahlt Swetlana an: Endlich ist seine Lieblingsschülerin wieder einmal da. „Vielleicht können Sie uns weiterhelfen, Swetlana“, sagt er und zeigt zur Tafel. „Der Klasse scheint dieses Gedicht nicht viel zu sagen.“ In einer schönen, etwas altväterlichen Schrift stehen Verse an der Tafel.

Der Tod ist groß.
Wir sind die seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Hätte Swetlana gewusst, dass sie in der Schule dieses Gedicht von Rilke erwarten würde, wäre sie im Bett geblieben. Wenn es irgendein Gedicht von dem großen Meister gewesen wäre, aber ausgerechnet diese Verse über das endgültige Ende, das uns allen droht. Daran wollte sie jetzt nicht denken. Die schlichte Genialität, mit hier in einfachen Worten der größte Zynismus des Lebens entworfen wurde, das ist zu viel für sie. Sie möchte jetzt nicht an das radikale Ende von allem erinnert werden, das jeden treffen wird. Der Tod, dieser große Verbrecher, ist zu groß für diesen friedlichen Morgen in einem Hamburger Gymnasium. Swetlana weiß auch ohne diese Verse, die Hering an die Tafel geschrieben hat, dass wir gegen das ultimative Njet des großen Verbrechers machtlos sind.
Sie weiß es, seit sie in Sankt Petersburg die Stufen zu ihrer toten Baba hinaufgestiegen ist. Dass der große Verbrecher alle verhöhnt, war ihr damals mit einem messerscharfen Stich ins Herz klar geworden. Aber hier, vor all diesen Losern, über den Tod zu sprechen, das kann niemand von ihr verlangen.
Hering bemerkt ihre Verlegenheit und kramt in seinen Unterlagen. „Ich habe etwas für Sie“, sagt er, zieht ein paar Blätter heraus und legt sie auf Swetlanas Tisch. „Bitte schön.“ Dabei strahlt er sie an wie ein Super Trooper.
Swetlana schenkt ihm ihren berühmten Silberblick, für den sie lang vor dem Spiegel trainiert hat, dann legt sie die Blätter achtlos zur Seite.
„Wollen Sie nicht wissen, welche Note Sie haben?“, fragt er.
Will sie eigentlich nicht, denn sie weiß es bereits. Sie kennt ihre Noten bei Hering. Die bisherigen und die künftigen. Es sind die gleichen wie in allen Fächern außer einem. Aber sie will Hering nicht enttäuschen, deshalb wirft sie einen Blick auf die letzte Deutscharbeit: fünfzehn Punkte, das Maximum. Eins plus. Sie ist keine Streberin, sie lernt so gut wie nie für die Schule. Die Schulbücher auf ihrem Schreibtisch zu Hause hat sie noch nie aufgeschlagen. Sie kann sich einfach alles merken. Sie weiß gar nicht, woher das kommt. Von Tatjana Valentina sicher nicht, und vom großen Rasputin auch nicht. Oder sie weiß es doch, nur will sie gerade jetzt, wo dieses Gedicht an der Tafel steht, nicht an Baba denken.
Irgendwann hat ihr Baba einmal erzählt, dass sie immer die Beste war. Zuerst in der Schule, später auf der Uni, dann in der Buchhaltung der Zuckerfabrik, wohin die Kommunisten, diese Scheißkerle, sie, die Dolmetscherin für Deutsch, Polnisch und Tschechisch, gesteckt hatten. Baba hat aus ihrer Begabung keine große Sache gemacht. Baba hat es eher nebenbei erwähnt, so wie man sagt: Heute ist Freitag.
Die grausame Zeit, die Baba damals durchlebte, hat Anna Achmatowa so schrecklich schön beschrieben. Sie hat Baba diese Worte niemals sagen hören, ohne dabei zu weinen.
Ich erfuhr, wie Gesichter verfallen,
Wie unter Augenlidern Angst hervorblickt,
Wie die Keilschrift mit harten Seiten
Leid in Wangen eingräbt,
Wie Locken, aschblond und schwarz,
Plötzlich silbern werden,
Das Lächeln verdorrt auf gefügigen Lippen,
Und in trockenem Lachen zittert der Schreck.
Eines aber hatten die Kommunistenschweine nicht geschafft. Babas Gesicht war nicht zerfallen, und ihr Haar war bis ins Alter immer noch so aschblond wie das von Swetlana gewesen. Babas Seele war zu stark gewesen, als dass die Denunzianten, die Funktionäre und andere Verbrecher sie hätten zerstören können. Bei dem Gedanken an Baba wird Swetlana ganz weh im Herzen, sie spürt, wie ihre Augen feucht werden. Nur jetzt bitte nicht, wo alle sie anstarren. Rasch zieht sie ihr Taschentuch heraus und tupft sich das rechte Auge ab, so als habe sie etwas im Auge.
Unverändert steht Hering neben ihr und strahlt.
Also blättert sie ein wenig in ihrer Arbeit, die übersät ist von Ausrufezeichen und gut! und bravo!. Und dann passiert es. „Schön, Herr Dr. Hering“, sagt sie. Die Klasse brüllt, und Oberstudienrat Dr. Karl von Bismarck läuft rot an. Swetlana auch.
„Verzeihung“, murmelt sie.
Aber Hering nickt nachsichtig, weiß er doch seit Jahren, welchen Spitznamen er an der Schule hat. Zuerst hieß er Bismarckhering, später wurde das zu Hering verkürzt. Gemessen geht er zur Tafel zurück. Ein aristokratischer Herr mit Vollglatze, der sich in seinen dunkelgrauen dreiteiligen Anzügen, den schneeweißen Hemden und den ewig dunkelblauen Krawatten immer ganz aufrecht hält, nie seine Würde verliert und die Welt aus großen, etwas wässrigen Augen betrachtet. Seine Welt ist die deutsche und englische Literatur. Hering heißt nicht nur wie der alte Reichskanzler, er ist auch einer seiner Nachfahren. Irgendein Ur-Ur-Ur-Enkel. Seine Augen blicken genau so wach wie die des ehemaligen Reichskanzlers, aber sie strahlen Wärme und Güte aus.
Nach Swetlanas Versprecher ist an ernsthaften Unterricht natürlich nicht mehr zu denken. Zum Glück sind es nur noch ein paar Minuten bis zum Läuten, und Hering entlässt die Klasse in die große Pause.
Kaum steht Swetlana auf dem Schulhof, will sie eine Zigarette aus der Handtasche holen. Der Schulhof des Jean-Paul-Gymnasiums, einer der Hamburger Eliteschulen, ist ein idealer Ort für Raucher. Es ist ein kleiner, von viel Grün umgebener Park mit dichten Hecken. Dahinter kann man, ohne von der Aufsicht gesehen zu werden, in aller Ruhe eine smoken. Der Angeber-Park passt gut zu dieser Angeber-Schule. Hamburgs einziges Gymnasium, das neben einer Reit- und Kanu-AG auch eine Goldschmiede-AG besitzt.
Aber dann steckt Swetlana die Zigarette wieder weg. Es ist einer ihrer eisernen Grundsätze, nie mehr als zwei Zigaretten pro Tag zu rauchen, und nie vor dem Mittagessen.
In der Mitte des Schulhofs steht die heilige Dreifaltigkeit. Wie immer bildet das Krümelmonster, vom Swetlana kurz Krümel oder Kexi genannt, den Mittelpunkt, und sie macht das, was sie am liebsten tut. Sie zieht einen Bahlsen-Keks aus der Tasche und fängt an zu knabbern. Sie ist süchtig nach den Dingern, die ihre Familie seit über hundert Jahren in Hamburg produziert und in alle Welt verschickt. Nur dass die Geschäfte seit ein paar Jahren nicht mehr gut laufen. Das hat der große Rasputin Swetlana erzählt, und jetzt weiß sie auch, weshalb sich Kexi in den letzten Monaten keine neuen Kleider mehr anschafft. Stattdessen kombiniert sie ihre Klamotten immer neu und denkt, die anderen merken es nicht. Ihre Fressattacken wechseln sich manchmal mit beinharter Nulldiät ab. Und zwar immer dann, wenn ein Model-Contest ansteht. Dann schafft sie manchmal den BMI von 18,5, aber nie für lange. Doch auch das nützt ihr nichts. Denn die vorgeschriebene Größe wird sie nie erreichen. Seit die Klum die Mindestgröße einer Kandidatin auf 1,76 Meter festgelegt hat, hat das Krümelmonster keine Chance mehr. Selbst mit High Heels bringt sie es maximal auf 1,72. Heute trägt sie eine rosafarbene Jeans, ein knallenges Stretchtop und hochhackige weiße Pumps. Dazu eine rosa Sonnenbrille mit riesigen Gläsern, die sie in die Haare geschoben hat. Alles teure Teile, aber an ihr sehen sie aus wie aus dem Kleidersack der Diakonie.
Neben Kexi steht die schöne Leyla. Leyla ist etwas kleiner als das Krümelmonster und sehr zart, doch sie besitzt die Schönheit der Araberin. Ein Teint wie eine Olive, Augen, die glänzen wie Öl, und schwarzes Haar, dicht und lang. Sie stammt aus dem Libanon, und ihr Vater ist Gemüsehändler. Sie passt also eigentlich nicht an diese vornehme Schule, aber ein paar betuchte Gutmenschen haben zusammengelegt und ihr ein Stipendium spendiert. Für Leyla ist heute schon klar, was sie werden will: Kinderärztin. Sie ist einer der klügsten Menschen, die Swetlana kennt, und wenn sie nervös ist, wechselt sie mitten im Satz ins Arabische. Swetlana weiß bis heute nicht, weshalb sich Leyla mit dem Krümelmonster abgibt.
Die Dritte im Bunde ist Jenny, die Feuerfliege. Eigentlich heißt sie Jennifer Windsor. Zu ihren weißen Blusen trägt sie dunkelblaue Röcke und einen dunkelblauen Blazer. Ihre Kleidung erinnert an eine britische Schuluniform. Jennifer macht ein großes Getue um ihren Namen. Manchmal deutet die kleine Britin mit dem roten Haar an, sie sei mit dem britischen Königshaus verwandt. Aber das glaubt ihr niemand. Sie spricht ein sehr britisches Deutsch und lässt alle bis auf Kexsi und Leyla spüren, dass sie alles Unbritische für unterlegen hält. Ihre Mutter besitzt das British Tea House in der Nähe der Alsterarkaden. Man sollte meinen, Jennifer sei die Beste in Englisch, aber von wegen. Sobald es um Grammatik oder um eine etwas kompliziertere Übersetzung geht, weiß sie nicht mehr, wo vorn und hinten ist. „Dieser Text ist nicht sehr britisch“, sagt sie dann, auch wenn der Text von Shakespeare stammt. Als sie vor zwei Jahren als Neue in die Klasse kam, hat sie einmal gesagt: „I am not amused.“ Seitdem heißt sie Lady-not-amused. Der Spitzname klebt an ihr wie die Hundescheiße eines Oxfordterriers am Schuh.
Wie immer in der Pause hält die heilige Dreifaltigkeit, diesen Spitznamen hat Swetlana eingebracht, Hof. So gut wie alle aus der Klasse stehen um sie herum, selbst Full Harry. Harry ist ein ungeheuer kluger Kopf, und er ist ungeheuer dick. Das einzige Fach, in dem er nie über zwei Punkte hinauskommt, ist Sport. Harry blickt das Krümelmonster verliebt an, obwohl er weiß, dass er nicht die geringste Chance bei ihr hat.
Swetlana geht ein paar Schritte, und als sie nah genug ist, hört sie, wie Krümel gerade von dem letzten Model Contest erzählt, an dem sie angeblich teilgenommen hat. „Heidi hat zu mir gesagt, ich müsste mich noch etwas weiterentwickeln, aber in ein oder zwei Jahren hätte ich gute Chancen.“ Kexi zieht einen Taschenspiegel heraus und betrachtet lächelnd ihr Gesicht. Dann zieht sie sich die Lippen nach. Zu rot, zu grell.
Swetlana, die Kexi so sieht, wie sie wirklich aussieht, muss an einen Spruch denken: Der Spiegel ist nicht schuld, wenn die Fratze schief ist. Swetlana prustet los, und Krümel schießt einen bösen Blick auf sie ab. Plötzlich verstummt das Krümelmonster. Sie blickt an Swetlana vorbei und wird rot. Swetlana geht ein paar Schritte weiter, bis sie sehen kann, wem der Blick des Krümelmonsters gilt. Es ist der schöne Raoul.
Raoul steht unschlüssig am anderen Ende des Hofs und starrt Swetlana aus seinen argentinischen Tango-Augen an. Ist er also auch wieder einmal da. Raoul ist der schönste Mann, den Swetlana kennt. So schlank wie eine Kerze, groß und mit dichtem schwarzem Haar, das er nach hinten kämmt. Er ist immer in Schwarz gekleidet und modelt seit ungefähr zwei Jahren. Dafür bekommt er von der Schulleitung jedes Mal frei, seine Eltern mussten sich jedoch dazu verpflichten, den versäumten Unterricht mit einem Privatlehrer aufzuholen. Der Schuldirektor, Dr. Ernst, ist der Meinung, dass Raoul eine riesige Model-Karriere vor sich hat. Und es kann nichts schaden, wenn eines Tages ein paar Strahlen seines Ruhms auf das Jean-Paul-Gymnasium fallen. Vermutlich überschlägt Dr. Ernst, die Hamburger Krämerseele, bereits, um wie viel er dann die Preise des Privatgymnasiums erhöhen kann. Einen großen Sohn hat das Gymnasium bereits hervorgebracht: den Physiker und Nobelpreisträger Hans Paul von Bornstein.
Raoul gibt sich einen Ruck und kommt auf Swetlana zu.
„Wie geht’s?“, fragt er. Trotz seines dunklen Teints kann Swetlana sehen, wie er rot wird.
„Alles okay“, sagt sie und spürt, wie sich die neidischen Blicke von Krümel in ihren Rücken bohren.
„Diesmal war’s New York“, sagt er, wobei er Swetlana tief in die Augen schaut.
„New York“, wiederholt sie.
„Marcus meint, ich soll die blöde Schule schmeißen und mich voll aufs Modeln konzentrieren.“
Swetlana weiß, von wem er spricht. Marcus van Schwenken, der mit einer Jeans-Kampagne für Calvin Klein begann, ist vermutlich das bestbezahlte männliche Model weltweit.
Swetlana sieht, wie Raoul sie aus den Augenwinkeln heraus beobachtet.
„Das musst du wissen“, antwortet sie knapp.
Raouls Blick wird starr und geht an Swetlana vorbei ins Nichts. Langsam wendet er sich ab und trottet davon.

Swetlana weiß, alle halten sie für bescheuert, weil Raoul ganz offensichtlich in sie verliebt ist, sie aber nicht reagiert. Aber so toll er aussieht, so beschränkt ist er auch. Trotzdem bekam er bei Swetlana eine Chance. Sie ist einmal mit ihm ausgegangen, um ihn abzuchecken. Doch er sprach nur über zwei Dinge: Mode und Sportwagen. Iwan der Schreckliche ist ein besserer Gesprächspartner als er. Swetlana war schnell klar geworden, dass er kein Partner für sie wäre. Mit so einem Menschen könnte sie ihr Versprechen nie erfüllen.
Es läutet, und alle trotten in ihre Klassen zurück. Swetlana geht als Letzte. Am Eingang wartet Leyla auf sie. Leyla vergewissert sich, dass sie niemand sieht, dann blickt sie tief in Swetlanas Augen. Swetlana spürt, Leylas Augen können ins Innerste ihrer Seele sehen und erblicken dort Swetlanas tiefe Einsamkeit. Verse von Jewtuschenko fallen ihr ein:

Wie schmachvoll allein ins Kino zu gehen,
ohne Freund,
ohne Freundin …

Leyla drückt Swetlana fest an sich und flüstert ihr ins Ohr: „Du Arme.“ Einmal hat Leyla Swetlana im Vertrauen erzählt, dass sie noch Jungfrau sei und keinen Sex vor der Ehe haben wolle. Sie glaube an die Zehntausend-Schuss-Theorie, und sie wolle sich alles für ihren Ehemann aufheben. Swetlana reißt sich von ihr los und rennt auf die Toilette. In der Kabine heult sie los. Leyla weiß Bescheid. Sie kann in Swetlanas Seele blicken.

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