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  • Schachmatt, gleich bist du tot

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Freitag – 1

Scott Davis hatte seine Schicht beendet. Die letzte für diese Woche. Ein Kollege setzte ihn vor seinem Haus ab, drückte zum Gruß kurz auf die Hupe und fuhr dann weiter.
Scott arbeitete schon ewig bei der Müllabfuhr und war seit vier Uhr heute Morgen auf den Beinen. So lief das Tag für Tag.
Früher machte ihm das nichts aus. Damals war er jung und voller Visionen. Gleich nach dem Schulabschluss hatte er diesen Job angenommen. Erst einmal musste er Geld verdienen, um seine Träume überhaupt finanzieren zu können. Doch im Laufe der Zeit rückten sie immer weiter in den Hintergrund, bis sie letzten Endes gänzlich aus seiner Erinnerung verschwanden. Inzwischen waren viele Jahre vergangen und er ackerte noch immer in diesem Laden.
Im Moment fühlte er sich ausgelaugt und müde. Aber zum Glück war Freitag, endlich Wochenende. Und das bedeutete, er würde Nolan wiedersehen.
Am Abend wollte er sich mit ihm treffen. Nolan war zwar nicht ganz sein Typ, aber schließlich kam es auf die inneren Werte an. Er hatte eine weiche, liebevolle Art, war sanft wie eine Feder und dabei unglaublich zärtlich. Genau das, wonach sich Scott immer gesehnt hatte. Nur äußerlich war Nolan eher der Typ Wikinger. Groß, kräftig, Vollbart, Pferdeschwanz. Doch daran hatte sich Scott längst gewöhnt. Er freute sich auf heute Abend. Denn es sah ganz danach aus, als könnte mehr aus ihrer derzeitigen Beziehung werden.

Scott lächelte vor sich hin und schaute dem Fahrzeug noch eine Weile hinterher. Dann ging er ins Haus.
Als Erstes entledigte er sich seiner Dienstkleidung und stopfte sie in die Waschmaschine. Er hasste diesen Geruch nach vergammeltem Abfall, der am Ende der Schicht unweigerlich an seiner Haut und den Klamotten klebte. Er wollte ihn so schnell wie möglich loswerden, erst dann konnte er entspannt das Wochenende angehen.
Es war jetzt ein Uhr Mittag. Nolan würde erst gegen acht zu ihm kommen. Scott hatte demnach noch genügend Zeit, um sich für ein Weilchen aufs Ohr zu hauen.
Während die Maschine leise vor sich hin rumpelte, stellte sich Scott unter die Dusche. Ganze zehn Minuten ließ er den heißen Wasserstrahl über seinen Körper fließen. Das tat unglaublich gut und er fühlte sich gleich viel wohler.
Er drehte den Hahn zu, schob den Vorhang zur Seite und trat auf den flauschigen Duschvorleger. Der Dunst hatte den ganzen Raum vernebelt. Sein Badezimmer glich beinah schon einer Dampfsauna und verlangte dringend nach frischer Luft. Scott angelte nach seinem Handtuch und wickelte sich darin ein. Dann schlüpfte er in seine Frotteeschlappen und huschte zum Fenster.
»Das würde ich an deiner Stelle sein lassen«, sagte plötzlich jemand hinter ihm, ruhig, aber bestimmt. »Andernfalls wird es das Letzte sein, was du in deinem erbärmlichen Leben getan hast.«
Scott drehte sich entsetzt um. Ihm wurde übel vor Schreck. Da stand eine Gestalt im Türrahmen, der Stimme nach zweifelsfrei ein Mann. Er war in ein weißes Gewand gehüllt, die Augen verborgen hinter einer dunklen Sonnenbrille. Kopf, Mund und Nase bedeckt von einem Kufija-Tuch. Mit der Hand umklammerte er ein Jagdmesser.
Scott war kaum fähig zu atmen. Der Schreck lähmte seine Glieder, die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Der Begriff Taliban schoss ihm durch den Kopf. O mein Gott, genau danach sah dieser Mann in seiner vermummten Verkleidung aus. Was wollte dieser Typ? Er hatte weder Geld noch war er in irgendwelche politischen Machenschaften verwickelt. Das konnte doch nur ein großer Irrtum sein, eine Verwechslung.

»Hören Sie«, stotterte er. »Ich bin nicht der, den Sie suchen. Sie irren sich.«
Scott hatte Mühe, die Worte über seine Lippen zu bringen. Seine Stimme zitterte. Er konnte kaum schlucken. Seine Kehle war mit einem Mal staubtrocken und die Zunge klebte am Gaumen fest. Hatte er vielleicht zu leise gesprochen? Hatte der Mann womöglich nicht gehört, was er gerade versuchte, ihm klarzumachen? Ohne darauf zu reagieren, stand der Eindringling einfach nur da, das Messer in der Hand. Scott spürte förmlich, wie ihn sein eiskalter Blick hinter den schwarzen Gläsern der Sonnenbrille durchbohrte.
Zähe Sekunden später sagte der Talibantyp: »Wie kannst du es wagen, zu behaupten, ich würde mich irren. Hältst du mich denn für dämlich?« Sein Tonfall war noch immer ruhig und bestimmt.
»Nein. Nein, auf keinen Fall. Bitte. Das habe ich damit nicht ausdrücken wollen. Es tut mir leid«, stammelte Scott.
»Nein? Dann bin ich hier demnach doch richtig.«
»Bitte. Sagen Sie mir, zu wem Sie wollen. Ich habe kein Geld und im Ausland, in Ihrem Land war ich noch nie in meinem Leben. Mit Politik habe ich nichts zu tun.«
»Schluss jetzt, mitkommen!«
»Kann ich mir etwas anziehen?«
Wortlos stand der Fremde in der Tür und wartete. Scotts Blick rutschte auf das Messer und er zitterte nur noch heftiger. Dieser Typ wusste ganz sicher damit umzugehen. Scott hingegen hatte schon beim Dosenöffnen so seine Schwierigkeiten, geschweige denn, dass er je Mann gegen Mann kämpfen könnte. Er war völlig unsportlich. Nolan wüsste bestimmt, was zu tun wäre. Wenn er doch bloß hier wäre und ihm helfen könnte.

Das Handtuch um seine Hüften vibrierte vom Zucken der Muskeln in seinen Beinen. Er war kaum in der Lage, einen Fuß zu heben. Mit wackligen Knien schlich er ängstlich auf den verhüllten Mann zu. Dieser packte seinen Arm, zerrte ihn aus dem Badezimmer und stieß ihn grob vor sich her ins Wohnzimmer.
Scott stolperte vorwärts. Das Badetuch lockerte sich und rutschte zu Boden, noch ehe er es festhalten konnte.
»Liegen lassen!«
O Gott, kam es Scott in den Sinn, dieser Typ … hatte er sich nur als Taliban verkleidet? Scott war vollkommen nackt, er wollte ihn doch nicht etwa …
»Leg dir das um den Hals«, befahl der Fremde und zeigte mit dem Messer in eine Richtung.
Scott drehte zögernd seinen Kopf. Ein Seil. Wie kam das mitten in sein Wohnzimmer? Sein Verstand setzte aus und er begriff vorerst gar nicht, was er da sah. Er verfolgte es mit den Augen bis zur Decke. Es war um einen Balken geschlungen.

Nein! Was für ein krankes Spielchen hat dieser Irre vor? Die Übelkeit in seinem Magen verstärkte sich. Kalter Schweiß überzog seinen Körper. Er kannte so einige Männer, die auf Fesselspiele und Sadismus beim Sex standen.
»Das kann ich nicht«, flüsterte er.
Der Mann machte einen Schritt auf ihn zu. Ein leises Zischen durchschnitt die Luft, dann raste ein scharfes Brennen über Scotts Haut. Er brüllte auf vor Schmerz. Ohne Vorwarnung hatte sein Peiniger die flache Seite der Klinge auf seine Brust geschlagen.
»Ich werde dich kein zweites Mal darum bitten.«
Scotts Glieder waren plötzlich schwer wie Blei. Es kostete ihn unendlich viel Kraft, auch nur einen Arm zu heben. Beinah in Zeitlupe griff er mit seinen schweißnassen Fingern nach der Schlinge und legte sie um seinen Hals. Er keuchte und atmete stoßweise und wimmernd aus.
»Bitte«, jammerte er. »Tun Sie das nicht. Ich habe Ihnen nichts getan. Ich bin doch nur ein einfacher Müllmann.«
»Das hast du ganz richtig erkannt. Müll, genau das bist du.«
»Was wollen Sie von mir?«
»Dreh dich um und leg die Hände auf den Rücken.«
Scott tat, was dieser Mann von ihm verlangte. Und er würde noch mehr tun, denn er wusste, irgendwann hatte dieser Spuk ein Ende. Er war noch nie vergewaltigt worden, doch auch das ging vorbei. Er würde das Ganze einfach hinter sich lassen, nicht mehr daran denken und schlicht vergessen, was geschehen war, sein neues Leben beginnen. Ein Leben mit Nolan.

2

Aidan Carter stand vor der Haustür und starrte grübelnd auf den Brief in seiner Hand. Jimmi hatte vor wenigen Augenblicken bei ihm Sturm geklingelt und ihm diesen wortlos überreicht. Nun raste er wie vom Blitz getroffen davon. Dieser kleine Rotzlöffel. Wahrscheinlich mal wieder einer seiner Streiche. Wäre schließlich nicht das erste Mal.
Kürzlich hatte er seinen zehnten Geburtstag, wusste aber schon jetzt ganz genau, was er wollte. Nämlich Polizist werden genau wie Aidan. Und um seinem großen Vorbild ein paar Tricks zu entlocken, legte er für ihn ab und an mal eine fingierte Fährte und beobachtete dann, wie ein echter Inspector vorging.
Aidan hatte den kleinen Strolch längst durchschaut, aber er spielte das Spielchen mit, um den Kleinen nicht zu enttäuschen. Doch dieser Brief, den er jetzt in der Hand hielt, war definitiv nicht das Werk eines Zehnjährigen. Oder doch?
Aidan schob Lou, seinen Rottweiler, zurück ins Haus und zog entschlossen die Tür hinter sich ins Schloss. Es war eher sein Instinkt, der ihm sagte, mit diesem Brief ist etwas faul. Und wenn nicht, was er inständig hoffte, dann hätte er seinem Nachbarn wenigstens einmal wieder Hallo gesagt.

Er steckte den Brief in seine Gesäßtasche und lief zum Nachbarhaus. Von außen wirkte alles normal und ruhig, wieso auch nicht. Er drückte auf den Klingelknopf.
Was sollte er Scott sagen, warum er hier war? Auf ein Bier? Nein. Aidan war gerade erst vom Dienst nach Hause gekommen, als Jimmi bei ihm geklingelt hatte. Eigentlich wollte er duschen und sich anschließend für eine Stunde langmachen. Weder Bier noch ein langes Gespräch mit Scott, für beides hatte er heute keinen Nerv.
Scott, ich wollte einfach nur mal nach dem Rechten sehen. Jimmi, der kleine Rotzlöffel, hat mal wieder eine Fährte für mich gelegt, und die führt dieses Mal geradewegs zu dir. Gute Idee, genau das würde er zu Scott sagen.
Nach dem zweiten Klingeln öffnete er noch immer nicht. Scott war wohl nicht zu Hause, was sonst. Aidan beschloss, noch einen schnellen Blick durch das Fenster zu werfen, bevor er endlich duschen und sich danach ausruhen konnte.
Er schirmte die Augen mit der Hand ab, dennoch sah er nicht viel. Drinnen war es relativ dunkel, aber wie es schien, war alles normal wie immer.
Na dann, ab nach Hause. Also war der Brief doch von Jimmi. Du kleiner Strolch, wenn ich dich erwische, dann mach dich auf was gefasst.
Er wollte gerade gehen, als er die Lehne eines Stuhles bemerkte, der umgekippt auf dem Boden lag. Mehr konnte er nicht erkennen. Jeder andere würde das mit einem Schulterzucken abtun. Nicht Aidan Carter, ihm genügte das, um der Sache auf den Grund zu gehen. Warum auch sollte Scott das Haus verlassen und einen Stuhl nicht aufheben? Da stimmte etwas nicht. Vielleicht war hier jemand eingebrochen.

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