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Kein Trost. Nur Feuer
Rückfall, 3 Uhr früh Ich habe nicht geschrien.
Nicht geweint.
Nur gedacht: Wusste ich’s doch.
Der Körper macht, was er kennt.
Die Seele kauert.
Die Vernunft ist offline.
Ich finde die Klinge nicht.
Nicht wörtlich.
Aber da.
Im Kopf.
Im Atem.
Ich bin nicht zurück am Anfang.
Ich bin mittendrin.
Wieder.
Der Rückfall sagt nicht: „Du hast versagt.“
Er flüstert: „Willkommen zu Hause.“
Zerbrechlich, aber scharf Ich bin aus Glas.
Nicht aus Licht.
Nicht aus Hoffnung.
Nur durchsichtig genug, dass man meine Risse sieht.
Ich spalte, wenn man mich drückt.
Ich blute nicht.
Ich schneide zurück.
Ich war nicht immer so.
Aber oft genug gefallen,
bis ich gelernt habe, hart zu wirken.
Man nennt es Stärke.
Ich nenne es Selbstschutz mit Schnittkante.
Nähe tut weh. Weil ich Splitter hinterlasse.
Mutterliebe Geburtstag.
Sie ging. Ich blieb.
Mit Schuld und Vater.
Jahre später: Ich such sie.
Frag. Ob sie wusste.
Sie sagt: Ich musste weg. Ich wollte leben.
Ich sage: Er hat mich genommen. Dein Mann.
Sie lacht.
Sagt: Stell dich nicht so an.
Bei dir – ein paar Jahre. Bei mir – zwanzig.
Nennt man das Liebe?
Sich retten.
Und die Kinder zum Kühlschrank schicken.
Ich und die Kontrolle
Ich: Du gibst mir Halt.
Aber du nimmst mir Luft.
Kontrolle: Ich gebe dir Ordnung.
Du nennst es Käfig, weil du Türen fürchtest.
Ich: Ich kann nicht loslassen.
Nicht wirklich.
Kontrolle: Du nennst es Freiheit, aber meinst Kontrollverlust.
Du willst beides.
Das geht nicht.
Ich: Du machst mich hart.
Kontrolle: Ich mache dich funktionsfähig.
Ich: Und wenn ich weich werde?
Kontrolle: Dann kommt das Chaos.
Dann kommen sie alle zurück.
Ich und das Schweigen
Ich: Du warst immer da.
Schon bevor ich wusste, wie man schreit.
Schweigen: Ich bin kein Feind.
Ich bin die Grenze, die du brauchst.
Ich: Aber ich habe dich gehasst.
Weil du mich verraten hast.
Schweigen: Ich habe dich beschützt.
Vor Fragen. Vor Konsequenzen.
Vor dir selbst.
Ich: Und trotzdem bist du Schuld, dass niemand wusste, was war.
Schweigen: Nein. Sie wollten es nicht wissen.
Ich war nur bequemer.
Ich: Ich will dich loswerden.
Schweigen: Dann lern zu reden.
Und trag, was danach kommt.
Ich und die Macht
Ich: Ich dachte immer, du wärst böse.
Etwas, das man nicht will.
Nicht darf.
Macht: Ich war nie böse.
Ich war nur nicht kindlich.
Ich: Sie haben mich klein gehalten.
Leise. Formbar.
Macht: Weil du gefährlich warst.
Weil du erinnert hast, dass auch du Einfluss hast.
Ich: Ich wollte niemandem wehtun.
Macht: Dann lerne zu unterscheiden: zwischen Gewalt und Entscheidung.
Ich: Und wenn sie mich wieder klein machen?
Macht: Dann steh gerade.
Nicht, um zu drohen.
Nur, um dich zu erinnern: Du bist zurück.
Ich und die Stille (Ein Gespräch, das kaum zu hören ist.)
ICH: Du bist da, wenn alle gehen.
Bleibst zurück wie Staub auf Worten.
DIE STILLE: Ich war schon vor dem ersten Wort.
Und ich werde noch sein, wenn du aufhörst zu schreiben.
ICH: Du machst mir Angst.
Dein Schweigen hallt lauter als jeder Schrei.
DIE STILLE: Weil du dich selbst darin hörst.
Ungefiltert. Unverstellt.
ICH: Ich flüchte in Geräusche, in Buchstaben, in Lärm.
Alles, nur um dich nicht fühlen zu müssen.
DIE STILLE: Und doch suchst du mich, wenn du schreibst.
Zwischen den Zeilen bin ich – der Atem, der bleibt.
ICH: Manchmal bist du Trost. Manchmal Folter.
DIE STILLE: Ich bin nur ein Spiegel.
Was du siehst, gehört dir.
ICH: Dann bin ich leer.
Oder voll von Dingen, die ich nicht aussprechen kann.
DIE STILLE: Dann sprich mich.
Oder schweige mit Würde.
ICH: Ich schreibe dich.
Jedes Gedicht ist ein Versuch, dich auszuhalten.
DIE STILLE: Und jedes Schweigen ein Versprechen, dass noch etwas kommen könnte.
Ich und der Trost (Ein Gespräch, das Mira am liebsten abbricht.)
ICH: Du bist mir fremd.
Kommst rein, als wärst du eingeladen worden.
DER TROST: Ich bringe Tee.
Und Worte, die nicht wehtun.
ICH: Ich will keine Worte, die nicht wehtun.
Ich will Wahrheit.
Selbst wenn sie blutet.
DER TROST: Manchmal ist Linderung auch Wahrheit.
Nur in sanft.
ICH: Sanft ist Verdacht.
Ich trau dir nicht.
DER TROST: Weil ich dich nicht zwinge?
ICH: Weil du glatt bist.
Ohne Ecken.
Ich kenne nur Splitter, die ich in mir trage wie Erinnerungen.
DER TROST: Und wenn ich sage: Es war nicht deine Schuld?
ICH: Dann sage ich: Beweise es.
Und du schweigst.
Immer.
DER TROST: Ich bin kein Richter.
Ich bin ein Pflaster.
ICH: Ich bin eine Wunde, die sich nicht schließen will.
Weil sie sonst nichts mehr fühlt.
DER TROST: Ich wollte dich nur halten.
ICH: Ich halte mich selbst.
Mit Nägeln.
Mit Worten.
Mit allem, was du nicht bist.
DER TROST: Dann gehe ich.
Aber ich bleibe in der Nähe.
Für den Fall, dass du irgendwann genug vom Brennen hast.
ICH: Ich habe gelernt, im Feuer zu schlafen.
Ich und die Furcht
Ich: Du atmest mit mir.
Immer.
Furcht: Ich bin der Schatten deiner Rippen.
Ich kenne deinen Takt.
Ich: Ich wollte dich loswerden.
Furcht: Aber ich war nützlich.
Ich hab dich gewarnt.
Ich hab dich wach gehalten.
Ich: Ich bin müde.
Furcht: Dann wirst du unvorsichtig.
Und das überlebst du nicht.
Ich: Du lähmst mich.
Furcht: Ich schütze dich.
Du sitzt in meinem Nacken.
Wie Schuld.
Wie Schweiß.
Furcht: Ich bin das Tier, das du fütterst, wenn du schweigst.
Ich: Ich habe gelernt, dich zu tarnen.
Furcht: Du hast gelernt, dich selbst zu verraten.
Ich: Ich will dich nicht mehr.
Furcht: Aber ohne mich erkennst du nicht, was weh tut.
Was gefährlich ist.
Was echt ist.
Ich: Und wenn ich trotzdem gehe?
Furcht: Dann gehe ich mit.
Still.
Hinter dir.
Wie immer.
Ich bin kein Opfer.
Ich bin das Resultat.
Nenn mich nicht stark.
Ich habe überlebt.
Ich trage keine Narben.
Ich bin Narbe. Ganz.
Was du siehst, ist nicht Mut.
Es ist Rückstand.
Nach dem Feuer.
Nach der Schuld.
Nach dem Wegsehen.
Ich bin kein Opfer.
Ich klage nicht an.
Ich rechne ab.
Ich bin das, was ihr aus mir gemacht habt.
Nicht heil.
Nicht zerbrochen.
Nur konsequent.
Ich lerne, mich nicht umzubringen.
Jeden Tag.
Es ist kein Schwur.
Kein Gelöbnis.
Keine Therapieaufgabe.
Es ist ein leiser Befehl.
Morgens.
Mit müden Knochen.
Ich mache Kaffee.
Ziehe mich an.
Bleibe hier.
Trotz allem.
Ich überliste die Leere mit Listen.
Mit Duschen.
Mit Nachrichten, die ich nicht beantworte.
Ich bleibe, nicht weil ich will – sondern weil ich kann.
Gerade noch.
Ich lerne es.
Immer wieder.
Nicht endgültig.
Aber heute reicht.