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  • Der Archivar von Mila Bagrat

Buchtitel

Autor

Autorin: Mila Bagrat
Buchtitel: DER ARCHIVAR

Reihe: Magisches Deutschland
Genre: Urban Fantasy, Jugendroman
Seiten: 342
Altersempfehlung: Ab 10 Jahren

Ein Literaturprojekt aus mehreren, in sich abgeschlossenen Einzelbänden, die inhaltlich nicht zusammenhängen,
jedoch ein gemeinsames Motto haben:
“Jedes Buch verzaubert eine neue deutsche Stadt.”

Magische Abenteuer mitten in Deutschland?
Nein, unmöglich! Abenteuer passieren doch immer woanders! Dasselbe hat auch die zehnjährige Freya Weiden gedacht, als sie ihre erste Schulreise nach Berlin antrat – und dann geht alles schief, was nur schief gehen kann - sie wird von einem albtraumhaften im dichten Nebel verhüllten Monster namens Numerus bedroht und von den bildschönen aber unheimlichen Menschen, die sich Blender nennen, verfolgt. Dabei trifft sie den liebenswerten sprechenden Waschbären Björn, der ihr das Leben rettet und zu ihrem besten Freund wird (denn ein Freund ist ein Freund, klein, groß, flauschig – egal), sowie ihre eigene höchst ungewöhnliche Oma, von deren Existenz Freya gar nichts ahnte! Berlin steckt voller Rätsel und die Einzige, die sie alle lösen kann ist Freya. Der Wettlauf um die Zeit beginnt – schafft es Freya mit Björns Hilfe den Kampf gegen Numerus und seine Armee für sich zu entscheiden?
P.S. Du willst das auch wissen? Dann leg los!

 

KAPITEL 1

Freya war ein nachdenkliches und feinfühliges Mädchen. Sie hatte schon immer ihren eigenen ganz besonderen Blick auf die meisten Sachen des Lebens. Ihr Papa nannte diesen Blick dreidimensional, weil Freya jede Situation ganz schnell nicht nur in ihrer Reichweite und -breite erkannte, sondern sie auch ganz gründlich in die Tiefe auslotete, ohne sich dabei von den Äußerlichkeiten ablenken zu lassen. Ihre größte Schwäche und hiermit auch Stärke waren Bücher. Für eine gute, richtig spannende Geschichte war sie bereit die tollste Geburtstagsparty der Welt zu verpassen, denn keine Party der Welt konnte ihr so viel auf einmal bieten, wie ein richtig gutes Buch voller Abenteuer, Wunder und Geheimnisse.

Es ist daher kaum erstaunlich, dass Freya über eine blühende, nahezu unbegrenzte Phantasie verfügte. Jedes Mal, wenn sie jemand darauf aufmerksam machte, sah sie vor ihrem inneren Auge einen riesigen blühenden Baum, der in ihrem Kopf wuchs und jeden Tag neue üppige Blüten zum Vorschein brachte. Sie konnte sich so ziemlich alles vorstellen – in Farbe und mit allen dazugehörenden Spezialeffekten. Diese Gabe hatte auch eine durchaus schlechte Seite – das Anschauen von den Filmen, die nach ihren Lieblingsbüchern gedreht worden waren, wurde meistens zu einer großen Enttäuschung, denn alles, was sie sich beim Lesen des Buches so bildgewaltig, so realistisch, so hinreißend und ungestüm vorstellte, verwandelte sich auf dem Bildschirm in eine sonderbare Aneinanderreihung von absolut unglaubwürdigen, nein, nahezu lächerlichen Szenen!

Ja, mit ihren 10 Jahren war Freya schon eine sehr erfahrene Leserin mit Anspruch. Seit ihrer Geburt und bis zum heutigen Tag las die Mama ihr jeden Abend vor dem Einschlafen vor. Natürlich konnte sie sich an die Bücher aus den ersten Lebensjahren nicht mehr erinnern, aber andere, viel wertvollere Erinnerungen behielt sie aus jener Zeit – die ruhige weiche Stimme ihrer Mama, die sie sanft und langsam in den Schlaf begleitete. Und als sie dann selber lesen konnte (was sehr früh geschah) wurde es zu ihrer Lieblingsbeschäftigung und einer Art Meditation für die ganze Familie. „Das ist wie Reisen, nur man braucht keinen Koffer zu packen“, pflegte ihr Papa zu sagen.

In ihrem kleinen gemütlichen Haus gab es eine große Bibliothek, worauf Freyas Eltern ganz besonders stolz waren. Für diese Zwecke baute ihr Papa mehrere deckenhohe Schränke entlang der Wohnzimmerwand auf und ihre Mama fügte fast jeden Tag neue Bücher hinzu. Eigentlich waren es meistens alte Bücher, die ihre Eltern auf den Flohmärkten oder beim Ausverkauf in den Buchläden ergatterten oder von ihren Freunden geschenkt bekamen. Es ist erstaunlich, wie viele wunderschöne Bücher heutzutage achtlos weggeworfen werden, nur weil, wie manche behaupten, „sie zu viel Platz in dem Haus einnehmen und sowieso nur in der Ecke verstauben würden“.

„Außerdem“, pflegten manche Leute ihren Eltern zu sagen, indem sie ganz hohe Stapel von Büchern „zum Verschenken“ an den Straßenrand vor ihren Häusern aufbauten, „leben wir in dem digitalen Zeitalter und haben Internet. Man kann sich ganz gemütlich online ein elektronisches Buch kaufen und wenn man es gelesen hat, kann man es in einen Ordner auf der Festplatte schieben oder auch löschen und dann hat man Platz und Ordnung und nichts liegt wie ein unnötiger Ballast herum.“
Freya konnte noch nie verstehen, wie Bücher zu „unnötigem Ballast“ werden können. Und so betrachtete sie mit ihren Eltern diese armen auf der Straße ausgesetzten Bücher als ihre persönlichen Schützlinge oder wehrlose Haustiere, die von ihren unfähigen Besitzern aufgegeben wurden, und war stolz auf jedes gerettete Exemplar. Ihr Papa bastelte für sie eine kleine gemütliche Leiter und ihre Mama nähte einen weichen gepolsterten Sitz für die oberste Stufe. So konnte Freya auch die oberen Regale erreichen, sich ein Buch holen und darin auf der Leiter sitzend rumblättern.
Nicht alle Bücher aus ihrem Rettungsprojekt, wie die Eltern es scherzend nannten, konnte sie lesen – da gab es auch einige in anderen Sprachen, die sie gar nicht verstand, aber auch diese schaute sie sich gerne an und versuchte ihre Geheimnisse zu erspüren.
Alle in ihrer Familie waren begeisterte Leser. Freyas Papa bezeichnete sich selber gerne als einen Bücherwurm. Er las langsam und gründlich, knüpfte seine Gedanken in langen geordneten Reihen aneinander, die dann wie dünne Tunnel die Handlung des Buches „durchbohrten“. Ihre Mama dagegen nannte sich eine Leseratte – sie las schnell, stürmisch, fast gierig, sie verschlang manch ein Buch an einem einzigen Abend, sie konnte sich von einzelnen Geschichten kaum mehr losreißen, sie biss sich fest an einem guten Buch und blieb dann ganz fiebrig und fast krank zurück, nachdem die allerletzte Seite umgeschlagen wurde. 
Freya würde sich selber ganz genau in die Mitte zwischen einem Bücherwurm und einer Leseratte einordnen, sie nahm nur das Beste von den beiden Lesetechniken und beherrschte daher ihre Kunst virtuos. Sie war eben ein Kind ihrer Eltern.
So lebte sie zusammen mit ihren Lieblingsbücherhelden und hatte das Gefühl, dass jeder von ihnen zum Familienmitglied wurde. Das Einzige, was Freya sich nie vorstellen konnte, waren ihre eigenen Abenteuer. Das erschien ihr schier unmöglich, dass ihr geregeltes und gemütliches Leben auf einmal zum Schauplatz von einer Reihe geheimnisvoller und unerklärbarer Ereignisse werden könnte. Ihre sonst so allmächtige Phantasie stolperte ausgerechnet in Bezug auf sie selbst und bei jedem Gedanken an ihre eigenen Abenteuer bekam Freya eine richtige kreative Blockade.
 Wie sollte es passieren? Irgendwie sollte sich doch so etwas ankündigen? Natürlich glaubte sie nicht daran, dass ein freundlicher Zauberelf eines Tages an der Türschwelle zu ihrem Kinderzimmer auftauchen und mit einer feierlichen Stimme verkünden würde:
„Meine Damen und Herren, ich bitte sie um eine Minute Aufmerksamkeit - hier kommt das wunderbare Abenteuer von Freya Weiden!“

Doch so sensibel, wie sie war, glaubte Freya den Anfang von ihrem persönlichen Abenteuer ganz genau erahnen zu können. Und das, wie es sich später herausstellte, war ein Fehler.
Wie alle Kinder erlebte Freya die Zeit als etwas Festes, Greifbares, fast Unbewegliches, wie einen großen Festtagskuchen, den man in ordentliche Stücke schneiden kann – davor und danach. Und vielleicht gerade deswegen konnte sie sich gar nicht vorstellen, dass manche Ereignisse schon lange vor ihrem tatsächlichen Eintritt bestimmt werden, dass ihr ganz persönliches Abenteuer bereits am Tag ihrer Geburt angefangen hatte und viele kleine unbemerkbare Vorfälle seinen Lauf bestimmt haben.
 Erst viel später, wenn sie erwachsen wird, wird sie es begreifen können, und dann, jedes Mal, wenn sie zurückblickt, wird sie ein deutliches Bild vor ihren Augen sehen - eine einzige Schneeflocke, die im Augenblick ihrer Geburt auf das schneeweiße, noch vollkommen unbeschriebene Blatt ihres Lebens fällt, ins Rollen kommt und mit jedem Tag, mit jeder ausgepusteten Geburtstagskerze größer wird, von einem Schneekristall zu einem Schneeball und dann zu einer riesigen Schneelawine, die geräuschlos aber unaufhaltsam den Hang runter rollt, auf die mittlerweile 10-jährige Freya trifft und sie mitreißt. Ohne Vorankündigung, ohne Zeit für die Vorbereitung oder auch nur zum Gedankensammeln - an einem ganz gewöhnlichen Tag.

 

KAPITEL 2

Ein ganz gewöhnlicher Tag

Der letze Montag im April kündigte sich warm und sonnig an und, obwohl es noch ein früher Morgen war, konnte man den Sommer buchstäblich in der Luft riechen. Freya saß auf dem Rücksitz im Auto und schaute aus dem Fenster auf die vorbeihuschenden Landschaften, sie blinzelte der Sonne entgegen und gähnte. Eigentlich sollte sie aufgeregt sein, denn es war ihr erster Schulausflug mit Übernachtung, mit ganzen 3 Übernachtungen, um ganz genau zu sein. Freya fuhr nach Berlin!
 Das Rundschreiben über die 4–tägige Klassenfahrt nach Berlin kam per Mail am vorigen Freitag und sorgte für ein großes Aufsehen in der Familie Weiden.
 Freyas Papa wunderte sich, dass man solche Schulveranstaltungen nicht persönlich mit den Eltern der Kinder bespricht, sondern einfach so kurzerhand per E-Mail bekannt macht.
 „Zu meiner Zeit wäre so was absolut unvorstellbar!“, fauchte er aufgeregt.
 Mama blieb dagegen ungewöhnlich ruhig.
 „Zu deiner Zeit gab es auch noch gar kein Internet“, sagte sie lächelnd. „Natürlich wäre so was „absolut unvorstellbar“! Du hättest sicherlich noch eine Taubenpost bekommen. Auf so einer Schiefertafel mit Griffel gekritzelt. Ich sag nur, arme Brieftaube!“ Hier konnte Freya sich nicht mehr halten und prustete laut los. „Und wenn ich dir sage, dass heutzutage die Hausaufgaben von den Lehrern per Messenger-App verschickt werden und die Eltern für die Vorbereitung von einem Schulfest eine Webkonferenz mit Video-Chat einrichten?“

„Freya, Hilfe!“ Papa hielt sich schützend die Hände über den Kopf und warf einen theatralisch erschrockenen Blick zu seiner Tochter. „Deine Mutter spricht irgendeine Fremdsprache, ich verstehe davon kein Wort! Es ist Latein, richtig?“
Freya lachte. Keiner konnte sie so schnell zum Lachen bringen, wie ihr Vater, nicht umsonst nannte ihn Mama „der professionelle Klassenclown“ und als Freya noch klein war, dachte sie immer, das wäre sowas wie seine zweite Berufsausbildung.
Mama saß vor ihrem Laptop und beobachtete das Schreiben von Freyas Klassenlehrer, Herrn Jungbrunn-Thiesel, mit einem nachdenklichen, fast traurigen Blick.
 „Es ist schon seltsam“, sagte sie endlich, „dass man mit dem eigenen Kind durch alle möglichen Länder reist – Urlaub in Madrid, eine Woche in Paris, ein Wochenende in Brüssel… aber auf die Idee, mal zur Abwechslung die eigene Hauptstadt zu besuchen, kommt man nicht! Irgendwie neigt man dazu, die Dinge, die einem direkt vor der Nase liegen, zu übersehen.“
Mit „direkt vor der Nase“ übertrieb sie natürlich ein bisschen. Freyas Familie lebte an dem nahezu westlichsten Punkt Deutschlands, keine 50 Kilometer von der luxemburgischen Grenze entfernt in einem kleinen malerischen Dorf namens Malborn.
„Mal-born, klingt genau wie Mel-bourne“, pflegte Freyas Papa am Telefon zu sagen, wenn er zum Beispiel seinen Kunden die Firmenanschrift mitteilte. „Ist nur ein bisschen kleiner!“

Und das war wieder mal so eine haarsträubende Übertreibung, über die Freya nur still vor sich hin schmunzeln konnte. Denn wenn Mamas „direkt vor der Nase“ sage und schreibe 737 Kilometer quer durch das ganze Deutschland strikt von Südwest nach Nordost bezeichnete, bedeutete Papas „ein bisschen kleiner“ eine Relation zwischen der zweitgrößten australischen Stadt mit einer Bevölkerung von 4,7 Millionen Einwohnern und einem rheinland-pfälzischen Dorf mit 900 Seelen. Doch jedes Mal, wenn Freya Papa darauf aufmerksam machte, sagte er augenzwinkernd:
„Jaaaa, aber du vergisst noch den Ortsteil Thiergarten – damit zusammen sind wir ganze 1340 Einwohner!“, und er schnippte jedes Mal so triumphierend mit den Fingern, als ob diese Zahlenkorrektur die Situation grundlegend veränderte.
Zugegeben, nicht jede deutsche Grundschule auf dem Lande mit insgesamt 50 Schülern und 3 Lehrern konnte es sich leisten, eine ganze Klasse für 4 Tage nach Berlin zu schicken. Freyas Eltern waren mächtig beeindruckt und wie immer in solchen Fällen - vollkommen konträrer Meinung.
„Aber das ist doch phantastisch!“, sagte ihre Mama mit einer fast übertriebenen Begeisterung. „Deine erste eigene Reise und gleich in die deutsche Metropole! Ganz schön selbständig für 10 Jahre, oder? Ach, Berlin… Berlin  ist wunderschön! Wow!!! Wie cool ist denn das?!“
Und von Papa kam fast gleichzeitig:
„Auf gar keinen Fall! Berlin ist schrecklich! Eindeutig keine Stadt für kleine verängstigte Kinder! Es ist riesig, gefährlich, unüberschaubar, unbeherrschbar… und überhaupt - es ist am Ende der Welt!!!“
Und dann kam es zu einer langen Diskussion zwischen ihren Eltern, denn Freyas Eltern stritten nie, sie diskutierten nur manchmal in unterschiedlichen Lautstärken. Freya saß in der Mitte des Tisches und drehte den Kopf mal abwechselnd nach links zu Papa, mal nach rechts zu Mama wie ein Zuschauer bei einem spannenden Tennismatch. Sie hätte noch gerne gefragt, wie eine Stadt gleichzeitig „wunderschön und cool“ und „schrecklich und gefährlich“ sein kann und warum sie „ein selbständiges“ aber auch „ein kleines und verängstigtes Kind“ ist, aber sie wusste, dass es einfach klüger wäre, das Ganze den Erwachsenen zu überlassen.
„Es ist doch toll, dass sie etwas auch mal alleine unternimmt, oder?“, meinte Mama vorsichtig.
„Ach ja, du findest es toll, dass mein kleines Mädchen da mutterseelenallein allen Gefahren der Welt ausgesetzt wird?“, regte sich Papa auf.

„Erstens, es ist unser kleines Mädchen“, sagte Mama mit Nachdruck. „Zweitens, so klein ist es nicht und schon gar nicht „mutterseelenallein und verängstigt“ – im Schreiben steht eindeutig, dass die Kinder in Begleitung von Herrn Jungbrunn-Thiesel reisen!“
„Pah!“, Papa machte eine lässige Bewegung mit der Hand, als würde er ihr letztes Argument wie eine lästige Fliege verscheuchten. „Da bin ich jetzt aber beruhigt! Dieser Typ, dieser… dieser Herr … Dingsbums-Wiesel, er kann ja seine Klasse kaum mitten im Unterricht beherrschen! Was wird er denn mit ihnen machen können, wenn sie wie eine Bande von marodierenden Brüllaffen durch die Stadt hetzen?“

Und jetzt, genau in diesem Augenblick, wo es doch so richtig spannend wurde, rutschte es Freya heraus! Eine ganz kleine unschuldige Frage, die sie irgendwie selber gar nicht kommen sah: „Ma, erinnerst du dich noch an Berlin?“
Und das Zimmer, das eben noch so voll von Stimmen, Gedanken und Gefühlen war, wurde plötzlich ganz leer. Ihre Mama saß auf einmal wie versteinert da und schaute ausdruckslos auf die Tischplatte direkt vor sich und der Papa wurde ganz verlegen. 
 Freya wusste, dass ihre Mama in Berlin zur Welt gekommen war, ihre ganze Kindheit dort verbracht hatte und erst in ihrer Studienzeit nach Süddeutschland umgezogen war. Aber nie, noch nie in ihrem Leben hatte sie Freya etwas aus dieser Zeit erzählt, immer wechselte sie ganz schnell das Thema oder sie hatte plötzlich ganz viel zu tun oder sie redete sich aus der Sache mit Scherzen heraus, indem sie behauptete, dass das alles ja schon so viele Jahre zurückliege und sie sich kaum an etwas erinnere.
Und so passierte es auch dieses Mal. Mama hatte plötzlich ganz viel zu tun, sie wollte Freyas Reisetrolley zum Packen vom Dachboden holen. Papa dagegen zeigte sich überraschend spendabel und lud Freya zu einem Eis in der Eisdiele „Venezia“ am Dorfplatz ein.

„Wir haben ja einen Grund zu feiern!“, sagte er auf einmal ganz begeistert, als ob die Idee mit der Berlinreise sein persönlicher Einfall war, aber Freya bemerkte einen besorgten Blick, den er mit Mama austauschte.
 Eine halbe Stunde später saß sie auf einem zierlichen gusseisernen Gartenstuhl vor der Eisdiele, schleckte ihr Vanilleeis (3 Kugeln in herrlichem Himmelblau, ihrer Lieblingsfarbe) und betrachtete nachdenklich den Verlauf von einem wunderschönen Muster aus vielen Schnörkeln, Blüten und Blättern, das die Tischplatte schmückte.
 Wie manches im Leben doch so einfach und klar ist, und manches … so verstrickt, verwickelt und verworren, wie dieses Ornament, dachte sie.

Mit ihrem Papa, zum Beispiel, war alles sonnenklar und offen – seine Eltern wohnten in einem wunderschönen kleinen Reethäuschen an der Nordsee und waren die besten Oma und Opa der Welt. Freya war mehrmals im Jahr bei ihnen zu Besuch und genoss buchstäblich jede Minute an der Küste. Dagegen war die Vergangenheit ihrer Mama so dunkel und undurchsichtig wie ein von Wolken überzogener Nachthimmel – man weiß, dass die Antworten auf viele Fragen wie Sterne irgendwo hinter diesen Wolken liegen, aber je länger man versucht, sie durch den grauen Schleier zu erahnen, desto weniger glaubt man, dass es sie überhaupt gibt.
Freya seufzte. Sie wusste, dass man manchmal nur weiterkommt, wenn man einen Schritt zurückmacht und nachgibt, anstatt mit brutaler Gewalt die Mauern zu durchbrechen. Also besprach sie die Situation im Stillen mit sich selber und kam zum Entschluss keine weiteren Fragen zu stellen, nicht jetzt zumindest. Sie wollte erstmal alleine die geheimnisvolle Heimatstadt ihrer Mutter erkunden, sich ihre eigene Meinung bilden und erst danach über ihre Erlebnisse ganz offen mit ihr sprechen.

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