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Eintrag ins Tagebuch


Winter. Saubere Schneeflocken rieseln lautlos vom trüben Himmel. Eine eisige Kälte beherrscht die Atmosphäre. Verrottetes Laub sammelt sich an den Seiten des Weges. Dämmriges Licht bricht durch die Wolkendecke und erhellt ihre Umgebung ein wenig.
Vor ihr erstreckt sich eine scheinbar endlose Straße. Leer und verlassen liegt sie da, von Nebel umgeben, wie eine Flugbahn ins All, die nur darauf wartet, entdeckt und erkundet zu werden.
In ihren Träumen sucht sie schon seit Jahren nach der Hoffnung, nach einem anderen Menschen. Nach jemandem, der sie versteht und dem sie vertrauen kann. Bis heute hat sie nicht aufgegeben, eines Tages doch noch auf eine vertraute Seele, einen anderen Menschen zu treffen.
Der Staub, der sich in all den Jahren auf dieser breiten Straße festgesetzt hat, zeigt jedoch keinerlei Spuren von anderen Lebewesen.
Und so liegt der Weg auch weiterhin verlassen vor ihr, bis in die Unendlichkeit reichend. Am Horizont der Himmel, dunstig und von einem blassen Rosa durchzogen, das sich selten zu ändern scheint und ihr nur offenbart, dass sie niemals ankommen wird.
Der Weg ändert sich nicht. Er bleibt steinig und grau, völlig unbegangen.
Stets war sie einsam in ihren Träumen und Sehnsüchten.
Egal wie sehr sie sich auch bemüht, sie kommt einfach nicht voran. Es ist, als würde sie auf der Stelle gehen.
Und der Weg ist doch noch so weit, so unendlich, so weit...

Shellene Kendall erwachte an einem verschneiten Wintermorgen mit wild pochendem Herzen aus ihrem abstrusen Traum, schreckte schweißgebadet hoch und versuchte sich in der bestehenden Dunkelheit zurecht zu finden. Es gelang ihr nicht.
Die scheinbar undurchdringliche Schwärze um sie herum weckte ein ungutes Gefühl ganz tief in ihrem Inneren und Übelkeit breitete sich in ihrem Magen aus. Die düsteren Schatten, die sie wie diffuser Nebel umwaberten, schienen sie zu verhöhnen, drängten sich ihr auf wie schwarzer Teer, der sie zu erdrücken schien.
Seit einiger Zeit flößte die Dunkelheit ihr Angst ein, so schemenhaft sie manchmal auch war. Stets brachte die Furcht ein Gefühl von Einsamkeit mit sich, das Shellene sich oftmals nicht erklären konnte.
Damals wie heute hatte sie immer versucht die herrschende Einsamkeit zu vertreiben. Das große Nichts aus ihrem Herzen zu verbannen, das ihr allmählich die Kehle zuschnürte. Wie todbringende Baumwürger-Pflanzen schlang es seine starken Ranken um ihren schmächtigen Körper und stieß seine giftigen Dornen tief in Shellenes Seele, bis nur noch unsägliche Kälte übrig blieb, die sie von innen heraus erstarren ließ.

Nach scheinbar endlos langer Suche fand sie nun auch den Lichtschalter. Mit einem leisen Klick kippte sie diesen und ein schwacher Lichtschein erhellte das Zimmer.
Sanfte Pastelltöne beherrschten den kargen Raum. Plötzlich war ihr, als würden sich die Wände auf sie zu bewegen und sie langsam erdrücken. Zitternd lehnte sie sich mit dem Rücken an die Wand und holte tief Luft. Sie atmete hektisch, doch die Anspannung in ihrem Körper entwich nur langsam. Mit geschlossenen Augen zählte sie laut bis zehn. Meist half ihr das dabei, die aufkommende Panik zurück zu drängen. Auch dieses Mal spürte sie, wie ihr Herzschlag sich gemächlich normalisierte.
Nachdem sie die Augen geöffnet hatte, richtete sie sich schwerfällig wieder auf. Hörbar atmete sie aus und stellte dabei fest, dass ihre Handflächen feucht von Schweiß waren.
Ich drehe durch, flüsterte sie zu sich selbst und verfluchte ihre Phobien, die ihre Seele gefangen hielten. Im nächsten Moment fuhr ihr ein weiterer Schreck durch die Glieder.
>>Wer bist du?<<, rief sie mit dünner, zittriger Stimme durch das kleine Zimmer.
Ich träume noch immer. Das muss es sein.
Shellene blickte direkt in das ovale Gesicht eines traurigen Mädchens. Wo war es nur hergekommen? Was machte es in ihrem Haus, ihrem Schlafgemach? Hektisch sah das Mädchen sich zu allen Seiten um, stand wie ein Häufchen Elend mit gesenkten Schultern und strähnigem Haar am anderen Ende des Raumes. Unruhig huschten ihre Blicke durch das Zimmer und fixierten sich wieder auf Shellene. Vor Schreck wie gelähmt starrte diese das Mädchen voller Entsetzen an und fragte sich noch immer, woher das hilflose Kind gekommen war und was es von ihr wollte.
Zögernd trat sie ein paar Schritte auf das Mädchen zu, streckte die Hand nach ihr aus. Shellene sah, wie dem zierlichen Geschöpf dicke Tränen über die blassen Wangen kullerten. Das Mädchen presste die trockenen Lippen aufeinander, begann zu zittern, regelrecht zu beben. Sie wollte schreien, war jedoch paralysiert, vollkommen gefangen in einer Welt, die nur sie selbst sehen konnte. Das Mädchen rührte sich nicht von der Stelle, bewegte sich keinen Millimeter.
Dieser mitleiderregende Anblick brachte eine sensible Saite in Shellene zum Klingen. Sie wollte das völlig aufgelöste Mädchen tröstend in den Arm nehmen, doch alles was sie berührte, war der kalte Spiegel gegenüber von ihr.
Von ihren aufkommenden Gefühlen überwältigt sackte Shellene hilflos zusammen, schlug mit dem Kopf am Boden auf und realisierte es kaum. Machtlos lag sie da, die Knie eng an ihren Körper gezogen, rollte sie sich zu einem kleinen Ball zusammen und dachte mit Tränen in den Augen an die glückliche Zeit, die sie mit den Menschen, die sie liebt verbringen durfte, bis diese ihrer eigenen Straße gefolgt waren. Einer nach dem anderen waren sie entschwunden. Jeder war seines Weges gegangen, hatte sich weiterentwickelt und lebte nun in einer anderen Welt, einer anderen Zeit.
Einzig Shellene war zurück geblieben. Mutlos und desillusioniert. Voller Verzweiflung stieß sie ein herzzerreißendes Wimmern aus und sehnte sich nach Geborgenheit und Liebe, nach ihrem ungetrübten Leben.
Alles war so anders geworden. Nichts Vertrautes war ihr geblieben.
Nun erst dämmerte Shellene allmählich, wie einsam sie wirklich war. Sie fühlte sich allein gelassen. Allein, in diesem Chaos, diesem riesigen Scherbenhaufen, den sie selbst geschaffen hatte. Immer und immer wieder fragte sie sich, wie sie es nur so weit hatte kommen lassen können. Wann hatte es angefangen?
Wann würde es enden?

In den ersten Wochen hatte sie sich ständig gefragt, ob es denn überhaupt jemals jemanden gegeben hatte, der sie wirklich liebte.
Geliebt hatte, verbesserte sie sich in Gedanken. Sie sind fort. Sie alle. Bis ihr eines Tages aufging, dass sie die Schuld an falscher Stelle gesucht hatte. Die anderen hatten sie nicht verlassen. Sie hatte die anderen verlassen. Die Einsamkeit war nicht in ihr Leben getreten, weil sie nicht mehr geliebt worden war.
Sie selbst war es gewesen. Sie selbst hatte die Einsamkeit in ihr Leben und ihr Herz gelassen.
Zu irgendeiner Zeit hatte sie sich von ihren Lieben abgewandt und zurückgezogen. Sie hatte sich in ihrer ganz eigenen Welt verloren.
Deshalb war sie einsam.
Nicht, weil sie keine Freunde hatte. Die hatte sie, wenn es auch nicht viele waren.
Ihr fehlten die Menschen, denen sie vertraute. Menschen, die sie so akzeptierten, wie sie war. Doch sie waren verschwunden. Sie alle waren plötzlich fort - und sie war allein zurück geblieben. Die Menschen, die ihr einst nahe gestanden hatten, die sie geliebt und behütet hatten. Sie alle waren ihr entglitten.
Letztlich war sie nun dabei, auch noch sich selbst zu verlieren.
Doch so sehr sie sich auch bemühte und sich das Hirn zermarterte, den Ursprung dessen konnte sie einfach nicht ergründen.
Bohrende Kopfschmerzen deuteten sich in den Urtiefen ihres Verstandes an und wurden mit jedem einzelnen Gedanken stärker, die wie Wellen durch ihr ramponiertes Gehirn pulsierten.
Die Erkenntnis, dass sie sich all das selbst zuzuschreiben hatte, drang nur langsam in ihr Bewusstsein und explodierte dann mit einem lauten Knall in ihrem Innern, der sie erzittern ließ und sandte Schauder über ihre Haut, die ein unangenehmes Prickeln und diffuse Angst hinterließen.
Aber was machte sie sich jetzt noch Gedanken darüber.
Schließlich konnte sie die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Am Ende waren doch ohnehin alle geliebten Menschen aus ihrem Leben verschwunden, wie einer dieser besonders schönen Gedanken, der sich auf einmal wie aus dem Nichts in Luft auflöste. Die glückliche Zeit konnte sie nicht wieder zurückholen. So verzweifelt, traurig und unglücklich sie auch war. Unwillkürlich fragte sie sich, wie viele Tränen sie noch würde vergießen und wie viele einsame Stunden sie verbringen musste, bis das Glück endlich wieder an ihre Tür klopfte. Ihre Seele war gebrochen und sie vertraute niemandem mehr. Sie war dabei sich selbst zu verlieren und niemand würde ihr zu Hilfe eilen. Es gab niemanden mehr, mit dem sie reden konnte. Ihre Gedanken und Gefühle fuhren Kettenkarussell und lösten eine heftige Übelkeit in ihr aus. Sie wand sich wie eine kleine Kakerlake, die auf dem Rücken lag und versank im Selbstmitleid. Shellene redete sich wieder und wieder ein, dass niemand sich auch nur im Ansatz die Mühe machen würde, sie zu verstehen.
Sie überzeugte sich selbst davon, dass ihr Wohlergehen niemanden interessierte.
Nicht einmal sie selbst.

Es gab eine Zeit, zu der Shellene lebensfroh gewesen war. Sie hatte viel mit ihren Lieben unternommen und sich immer bemüht dazu zu gehören, ohne sich zu verstellen. Sie hielt ihre schönsten Erlebnisse in ihrem Geiste fest und ließ sie regelmäßig in ihren Gedanken vorüberziehen. Wie nun auch blieb sie immer bei einem bestimmten Bild hängen. Ein junger Mann mit braunem Haar und blauen Augen wandelte durch ihre Gedanken und erregte wieder und wieder ihre Aufmerksamkeit.
Er war ein alter Freund, den sie seit einiger Zeit nicht mehr gesehen hatte. Vermutlich war er der Einzige, der ihr wirklich zuhören würde. Ob auch er aus ihrem Leben verschwunden war, wie all die anderen? Stets war er an ihrer Seite gewesen. Oder
betrog ihre Erinnerung sie und all die Bilder beruhten nur auf Wunschdenken?
Mit einem Kopfschütteln verscheuchte Shellene diesen negativen Gedanken und vor ihrem inneren Auge veränderte sich das Bild des jungen Mannes zu einem Sonnenuntergang über einem endlos scheinenden Ozean, das vom Bild eines Lagerfeuers abgelöst wurde, bis ihr wieder der junge Mann vor Augen stand. Beim
Gedanken an ihn, spürte sie einen schmerzhaften Stich ganz tief in ihrem Herzen. Eine Welle der Sehnsucht schwappte über sie hinweg und trieb ihr Tränen in die Augen, die sie hastig fort zu blinzeln versuchte.
Sie vermisste ihn sehr. Jeden Tag sehnte sie sich danach seine Stimme zu hören. Ihr fehlten die Gespräche und die schöne Zeit, die sie miteinander verbracht hatten. Die intensiven Momente, bei denen unzählige Schmetterlinge wie wild in ihrem Bauch mit
ihren Flügeln geflattert hatten. Sie dachte an jenen zaghaften Kuss, der nie gekannte Gefühle in ihr ausgelöst hatte. Mit ihm hatte sie sich lebendig und frei gefühlt, doch auch sicher und geborgen.

Fortsetzung folgt immer Sonntags bei Wortundgeistreich!

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