Fortsetzung vom 11.10.2026
Eines Tages hatten sie sich einfach aus den Augen verloren. Frei nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. So sehr bereute Shellene, dass sie nicht nach ihm gesucht hatte. Wenn sie doch nur bei ihm wäre...
Mehr und mehr drohte Shellene den Bezug zur Realität zu verlieren und in eine Sphäre abzudriften, die nur sie selbst kannte. Sie lebte in ihren Träumen, in ihrer eigenen kleinen Welt, gefangen in ihrem eigenen Kopf, wie es schien. Ihre Gedanken und Gefühle, ihre Hilflosigkeit und gelegentliche Hoffnung - das war Shellenes ganz eigene Realität. Würde sie je wieder in die Gegenwart zurück finden können?
Benommen rappelte sie sich auf, ging wieder ins Bett und beschloss, schnell wieder einzuschlafen. Immer in der Hoffnung, auf der endlosen Straße voran zu kommen und anderem Leben zu begegnen. Vielleicht würde er an einer weit entfernten Station auf
sie warten? Vielleicht würde sie ihn schon bald wieder sehen. Sie sehnte sich nach seiner Berührung, seiner Stimme, wie sie sanft ihr Ohr kitzelte. Liebe Worte, die sie in den Schlaf begleiteten.
Fest entschlossen, ihn bald wieder zu sehen, zog sie die Decke bis zur Nase hoch und rief sich sein Bild vor Augen.
Sie hoffte, wenn sie am nächsten Morgen erwachte würde alles wie früher sein, als ihre Welt noch in Ordnung gewesen war.
Am nächsten Morgen ging Shellene aus dem Haus. So wie an jedem anderen Morgen auch, wenn ihre Arbeit sie rief. Sie hatte kein Auto, daher machte sie sich auf den Weg zur Bushaltestelle. Bewaffnet mit einem halbherzigen Lächeln und einem Thermobecher Kaffee spazierte Shellene den einsamen gepflasterten Weg entlang und wich den Schatten aus, so gut es ihr möglich war. Schneematsch lag an den Wegrändern zu kleinen Häufchen geschichtet, die traurig und klumpig abzuschmelzen versuchten, doch die zarten Sonnenstrahlen, die von der Sonne gen Erde gesandt wurden, vermochten den matschigen Schneehäufchen keine Linderung zu verschaffen. Die Strahlen waren einfach noch zu schwach, um die herrschende Kälte vollends zu vertreiben. Ein Frösteln überzog Shellenes Körper und Unsicherheit wohnte jedem einzelnen ihrer Schritte inne. Was würde sie heute erwarten? Würde eine Katastrophe die nächste jagen oder konnte sie heute einmal einen ereignislosen Tag verleben?
Die Bushaltestelle lag in dichten Nebel gehüllt. Vom Weitem konnte Shellene nur diffuse Silhouetten erahnen und Schatten, die hinter der Nebelwand auf und ab gingen, hektisch gestikulierten und bibbernd in der Kälte standen. Dumpfe Laute drangen aus dem Dunstschleier hervor und jagten ihr wie Kanonenschläge um die Ohren. Jeden Morgen traf sie hier auf Personen, die ihr einerseits bekannt vorkamen und begegnete Gesichtern, die ihr auf eine seltsame Art vertraut erschienen, doch irgendwie waren sie alle ihr auch fremd und wirkten bedrohlich.
Ihrem Eindruck nach, hatten die Menschen sie schon immer gehasst. Stets wurde sie gemieden, meist nicht eines einzigen Blickes gewürdigt, als wäre sie unsichtbar.
Manche Dinge ändern sich nie, dachte sie beklommen und eine eisige Klaue krampfte sich schmerzhaft um ihr Herz. Schon immer war es ihr ein Rätsel, warum die Menschen sich nicht einfach gegenseitig akzeptieren konnten, wie sie waren. Mit all ihren Schwächen und Fehlern. Stattdessen folgten sie wie eine Horde wilder Tiere einem ominösen Anführer mit zwielichtigen Ansichten und zweifelhaften Beweggründen. Einem Anführer, der sich als gottgleich profilierte und in seinem Innersten selbst nur ein verängstigtes kleines Kind war.
Wenn Shellene ehrlich zu sich selbst war, wollte sie die Antworten auf viele ihrer Fragen gar nicht wissen. Vermutlich wäre sie nur enttäuscht.
Langsamen Schrittes ging sie an zwei Frauen vorbei, die lebhaft in ein Gespräch vertieft waren.
>>Eine falsche Zunge macht die Worte nicht wahrer<<;, sagte die Frau mit der gelben Regenjacke in strengem Ton und nestelte am Reißverschluss ihrer Handtasche.
>>Jedoch solltest du in Betracht ziehen, dass der Wolf im Schafspelz auch unter unseres Gleichen lauern kann<<, antwortete die andere Frau mit hoher, aber weicher Stimme. Der rote Mantel stach blendend aus dem diesigen Nebel hervor.
Shellene spürte, wie sich die Blicke beider Frauen wie Dolche heiß brennend in ihren Rücken bohrten.
>>Beleidigungen sind nur die Argumente derer, die unrecht haben.<<, antwortete sie und biss sich sogleich auf die Zunge. Was hatte sie da nur losgetreten? Ein Schauder durchfuhr Shellene.
>>Alle Beleidigungen, Werteste, kommen von Herzen.<<, antwortete die Frau in der gelben Regenjacke.
Alle weiteren Gespräche um sie herum waren plötzlich verstummt und Shellene fühlte sich augenblicklich unwohl. Eine Welle der Übelkeit schwappte über sie hinweg und ihr wurde mit einem Mal unerträglich heiß. Beschämt wandte sie sich ab und schalt sich innerlich. Wütend ballte sie die Hände zu Fäusten, sodass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Was bildeten sich diese Person nur ein? Was dachten diese Frauen, wer sie waren und woher nahmen sie sich das Recht, Shellene zu maßregeln? Gerade als sie sich umdrehen und etwas erwidern wollte, fuhr der Bus ein und hielt mit quietschenden Bremsen an der Bushaltestelle an. Wie an jedem anderen Morgen auch, stieg Shellene als Letzte ein. Den hasserfüllten Blicken der beiden Frauen ging sie aus dem Weg, so gut es ihr möglich war. Sie ließ sich in einer der hinteren Reihen auf einen freien Platz fallen und beobachtete die Hinterköpfe der beiden Frauen.
Sie könnten Zwillinge sein, schoss es Shellene unwillkürlich durch den Kopf. Beide Frauen hatten die selbe zierliche Figur und waren hochgewachsen. Dürr, wie Supermodels der internationalen Laufstege. Beide hatten schwarze lockige Haare, die seidig glänzten und die schmalen Gesichter engelsgleich umrahmten. Wäre dies ein Traum, so ging es Shellene durch den Kopf, wären diese beiden Frauen wohl Feen oder Elfen. Shellene fühlte sich an ein altes Märchen erinnert. Beim besten Willen jedoch, wollte ihr der Titel nicht einfallen.
Mit einem ratlosen Achselzucken wandte Shellene den Blick ab und schaute aus dem Fenster, an dem sich Kondenswasser angesammelt hatte und stetig in ein kleinen Rinnsalen hinabfloss. Sie starrte hinaus in die dunstige Kälte, die die Welt in einen verschleierten Nebel hüllte und jegliche Wärme von ihr fern hielt. Shellene verlor sich in der zeitlosen Melancholie der milchigen Trübheit vor den Fenstern des Busses. Ihre Lider wurden schwer und eine unglaubliche Müdigkeit fiel plötzlich über sie herein.
So, wie an jedem anderen Morgen auch, hing sie nun verschlafen ihrer Gedankenwelt nach, bis sie von jemandem angesprochen und aus ihrem Delirium gerissen wurde. Sie schaute auf und entdeckte ein freundliches Lächeln, das auf sie gerichtet war. Doch Shellene blickte sofort wieder weg, denn sie glaubte nicht, dass die fremde Person mit dem netten Funkeln in den Augen, tatsächlich sie gemeint hatte. Dabei hatte sie geglaubt, ihren Namen gehört zu haben. Er hatte Shellene gesagt und dabei gelächelt.
Oder etwa nicht? Zumindest hatte es sich so für sie angehört und angefühlt.
Wie üblich konnte Shellene einfach nicht anders. Erneut blickte sie auf, doch die Person, die sie so vertraut angelächelt zu haben schien, war verschwunden. Wieder spürte sie Zorn in sich aufwallen, der jedoch sofort wieder verpuffte, als wäre er nie da gewesen.
Mutlos wandte Shellene ihre Aufmerksamkeit wieder dem Fenster zu und beschloss, sich keine weiteren Gedanken zu machen. Im Grunde wusste sie doch, dass sie nicht gemeint gewesen sein konnte. Niemand mochte sie. Niemand wollte mit ihr reden oder im Bus neben ihr sitzen. Niemand machte sich die Mühe sie kennen zu lernen oder ihrer Geschichte zu lauschen.