Buchtitel
Autor
Genre
REVIERBLUT: Die Akten Bartsch & Kroll
Untertitel: Protokolle des Grauens
Basierend auf den originalen Vernehmungsprotokollen der Kriminalpolizei Essen & Duisburg (1966)
„Wahrheit braucht keine Dekoration, besonders dann nicht, wenn sie unerträglich ist.“
In diesem zweiten Band von REVIERBLUT verlassen wir die Ebene der bloßen Berichterstattung. Was du hier liest, ist das Ergebnis einer tiefen Grabung in den dunkelsten Archiven der deutschen Kriminalgeschichte.
Dieses Buch basiert ausschließlich auf den originalen, teils Jahrzehnte unter Verschluss gehaltenen Vernehmungsprotokollen, forensischen Gutachten und Tatortbegehungen der Fälle Jürgen Bartsch und Joachim Kroll. Nichts an diesem Werk ist erfunden. Kein Dialog wurde zur Unterhaltung dramatisiert, keine Tat zur Sensation verzerrt.
Die Worte, die du in den folgenden Kapiteln liest, stammen direkt aus den Mündern der Täter. Es sind die Original-Aussagen, die sie in den stickigen Verhörzimmern der Polizeipräsidien in Essen und Duisburg zu Protokoll gaben. Sie offenbaren eine Kälte und eine Methodik, die jenseits jeder menschlichen Vorstellungskraft liegen.
Warum veröffentliche ich diese Akten in dieser kompromisslosen Vollständigkeit?
Weil wir nur durch das Studium der ungeschönten Wahrheit begreifen können, wie das Böse inmitten unserer Gesellschaft – im Herzen des Ruhrgebiets – existieren konnte, ohne erkannt zu werden. Es ist ein forensischer Blick in den Abgrund, dokumentiert durch die akribische Arbeit der damaligen Ermittler und Psychiater.
Dieses Buch ist eine Mahnung und ein Zeugnis. Es ist die Dokumentation des Unvorstellbaren.
Beginn der Lesprobe:
EINFÜHRUNG: DAS SZENARIO – ZIMMER 312
Ort: Polizeipräsidium Essen, Zimmer 312
Zeit: 21. Juni 1966, 22:15 Uhr
Das Zimmer im 3. Stock war spartanisch. Ein Fenster zum Innenhof, das mit einem Metallgitter gesichert war. An der Wand ein Kalender von 1966, ein Porträt des damaligen Polizeipräsidenten. Auf dem Schreibtisch stand eine mechanische Schreibmaschine der Marke Adler.
Jürgen Bartsch trug bei der Vernehmung seine Alltagskleidung: eine dunkle Stoffhose und ein helles Hemd. Er wirkte gepflegt, fast bieder. Nichts an ihm deutete auf den Sadisten hin, der kurz zuvor ein Kind im Bunker gequält hatte.
Kriminalhauptkommissar Hamel zündete sich eine Zigarette an, blies den Rauch gegen die gelbliche Decke und sah Bartsch lange an. Er wartete, bis das Schweigen im Raum so schwer wurde, dass Bartsch es brechen musste.
AKTE BARTSCH: BLOCK 1 – DIE URSTUNDE DES GESTÄNDNISSES
(Auszug aus dem Protokoll der ersten Vernehmungsnacht)
Hamel: „Jürgen, wir schreiben jetzt alles auf. Wort für Wort. Hier sitzt Kollege Schug, er führt das Protokoll. Wir wissen, dass du heute in Langenberg warst. Aber wir wissen auch, dass du ein Geheimnis mit dir herumträgst, das viel älter ist als dieser Nachmittag. Wir fangen ganz am Anfang an. Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass du anders bist als die anderen Jungen in deinem Alter?“
Bartsch: (sitzt kerzengerade, die Hände im Schoß gefaltet) „Das war schon früh. Ich habe immer gerne beobachtet. In der Schlachterei meines Vaters habe ich gesehen, wie das Leben aus den Tieren weicht. Ich fand das nicht schlimm. Ich fand es interessant. Ich wollte wissen, ob das bei Menschen auch so ist. Das erste Mal... das war 1962.“
Hamel: „Du warst damals 15 Jahre alt. Erzähl uns von Peter R.“
Bartsch: „Peter war klein. Acht Jahre alt. Ein hübscher Junge. Er spielte oft draußen. Ich habe ihn angesprochen, ganz freundlich. Ich habe gesagt: ‚Du, Peter, ich habe im Keller unter der Metzgerei etwas versteckt. Eine Kiste mit Schätzen. Willst du sie sehen?‘ Er hat gelacht und ist mitgekommen. Er kannte mich ja als den Sohn vom Metzger Bartsch.“
Schug (tippt): „...kannte mich als den Sohn vom Metzger Bartsch.“
Hamel: „Wie seid ihr in den Keller gelangt?“
Bartsch: „Durch den Seiteneingang. Da, wo die Fleischlieferungen reinkommen. Es war Nachmittag, mein Vater war vorne im Laden. Wir sind die Treppe runter. Es roch nach feuchtem Beton und Kohle. Ganz hinten ist die Kohleschütte. Da liegen tonnenweise Eierkohlen. Ich habe ihm gesagt, er soll sich dort hinhocken und graben.“
Hamel: „Was hast du dann getan?“
Bartsch: „Ich hatte mir vorher einen Strick aus der Wurstküche geholt. Einen stabilen Hanfstrick. Ich habe zu ihm gesagt: ‚Wir spielen jetzt Gefangener. Ich muss dich fesseln, damit du den Schatz suchen darfst.‘ Er hat die Arme auf den Rücken genommen. Er war ganz ruhig. Ich habe ihn festgebunden. So fest, dass die Haut rot wurde. Er hat gefragt, warum das so wehtut. Ich habe nicht geantwortet. Ich habe ihn einfach nur angesehen.“
Hamel: „Und dann kam das Messer?“
Bartsch: „Ja. Ich hatte ein Ausbeinmesser eingesteckt. Ein schmales, sehr scharfes Messer. Ich wollte sehen, wie es aussieht, wenn man jemanden öffnet. Ich habe ihm den Mund mit einem Lappen zugestopft, den ich dort gefunden hatte. Er hat versucht zu schreien, aber es kam nur ein dumpfer Ton. Dann habe ich zugestochen. In den Bauch. Er hat sich gewunden wie ein Fisch an der Angel. Es war... es war ein sehr starkes Gefühl. Ich war der Bestimmer über sein Leben.“
Hamel: „Du hast ihn unter die Kohlen geschoben, Jürgen. Er lag da unten, tot. Was hast du in diesem Moment gefühlt? Hast du Angst bekommen, dass jemand die Geräusche gehört hat?“
Bartsch: „Nein, Angst hatte ich keine. Es war ja alles still. Ich habe mir nur Sorgen gemacht, dass Blut an meine Schuhe gekommen ist. Ich habe die Eierkohlen mit der Schaufel ganz ordentlich verteilt, so wie ein kleiner Hügel. Ich habe fest draufgedrückt, damit nichts nachrutscht. Ich wollte sicher sein, dass er ganz tief unten bleibt.“
Kommentar:
Im folgenden Abschnitt beschreibt Jürgen Bartsch die Minuten unmittelbar nach dem Mord an dem achtjährigen Peter R. Achte hier besonders darauf, wie Bartsch zwischen der Tat und dem banalen Alltag hin- und herwechselt. Es gibt für ihn keine moralische Zäsur. Er entsorgt ein Kind wie Abfall und kehrt in die Welt der Erwachsenen zurück, als wäre er nur kurz im Keller gewesen, um Kohlen zu holen. Diese Fähigkeit zur totalen Abspaltung ist das Kennzeichen eines hochgefährlichen Psychopathen.
Leseprobe Fortsetzung
Hamel: „Und dann? Bist du einfach wieder hochgegangen?“
Bartsch: „Ja. Ich bin zum Waschbecken in der Wurstküche gegangen. Ich habe mir die Hände gewaschen, ganz gründlich mit Seife. Ich habe auch unter den Fingernägeln geschrubbt, weil da Kohlenstaub und... naja, auch ein bisschen Blut war. Dann habe ich mein Hemd gerichtet. Ich habe in den Spiegel gesehen und gedacht: ‚Jetzt hast du ein Geheimnis, das hat kein anderer.‘“
Hamel: „Bist du dann zu deinem Vater in den Laden?“
Bartsch: „Ja, mein Vater bediente gerade eine Kundin. Er sah mich an und fragte: ‚Wo warst du denn so lange?‘ Ich habe ganz ruhig gesagt: ‚Ich habe im Keller nach dem Rechten gesehen und Kohlen nachgefüllt.‘ Er hat genickt. Er hat nichts gemerkt. Ich habe dann geholfen, die Fleischtheke sauber zu machen. Ich habe Würstchen aufgehängt. Ich war ganz fleißig an diesem Nachmittag.“
Hamel: „Hattest du in den nächsten Tagen keine Schuldgefühle? Du wusstest doch, dass die Eltern von Peter ihn suchen würden.“
Bartsch: „Schuldgefühle? Nein. Ich habe am nächsten Tag gesehen, wie die Leute auf der Straße standen und geredet haben. Die Polizei war auch da. Ich stand im Laden und habe durch das Fenster zugesehen. Ich fand das fast lustig. Die suchten überall, aber keiner dachte an unseren Keller. Ich fühlte mich denen allen überlegen. Ich wusste etwas, was die ganze Polizei von Essen nicht wusste. Peter war bei mir. Er konnte nicht mehr weg.“
AKTE BARTSCH: DER LOKALTERMIN
Datum: 22. Juni 1966
Ort: Waldgelände am Sender Langenberg / Bunkeranlage
Anwesende: KHK Hamel, KOK Schug, Beamte der Spurensicherung, der Beschuldigte Jürgen Bartsch (in Handschellen).
Der 22. Juni 1966 ist der Tag, an dem die abstrakten Geständnisse der Nacht zur grausamen Gewissheit wurden. Um 07:30 Uhr morgens wurde Jürgen Bartsch aus seiner Zelle geholt. Er hatte kaum geschlafen, wirkte aber hellwach, fast schon euphorisch. Was die Ermittler an diesem Vormittag erlebten, sprengte jede professionelle Distanz: Bartsch bewegte sich durch das Gelände wie ein stolzer Gutsbesitzer, der seinen Gästen die Besonderheiten seines Anwesens zeigt.
Hamel: „Wir sind jetzt am Waldrand, Jürgen. Du hast gesagt, Thomas K. liegt hier irgendwo. Wir sehen hier nur Bäume und Unterholz. Wo genau sollen wir anfangen?“
Bartsch: (geht zügig voran, bleibt an einer markanten Buche stehen) „Hier müssen Sie schauen. Sehen Sie den Stein dort? Den habe ich als Markierung hingelegt. Unter der Wurzel, etwa dreißig Zentimeter tief, liegt ein Paket. Das ist der Oberkörper.“
Hamel: (gibt den Beamten mit dem Spaten ein Zeichen) „Vorsichtig graben.“
Protokollnotiz: Nach ca. zehn Minuten Grabungsarbeit stößt die Schaufel auf Plastik. Ein modriger Geruch steigt auf. Ein Beamter der Spurensicherung fördert eine mit Klebeband umwickelte Plastiktüte zutage.
Bartsch: (tritt einen Schritt näher, interessiert beobachtend) „Passen Sie auf, das Wachspapier darunter ist noch von meiner Mutter aus der Metzgerei. Das hält die Feuchtigkeit gut ab. Ich habe es extra fest gewickelt, damit die Tiere es nicht riechen. Es ist noch alles da, wie ich es gelassen habe, oder?“
Hamel: (mit gepresster Stimme) „Halt dich zurück, Jürgen. Wo ist der Rest? Wo ist der Kopf?“
Bartsch: „Dafür müssen wir weiter hoch zum Hang. Dort ist eine kleine Senke. Ich habe den Kopf separat vergraben. Ich wollte nicht, dass alles an einer Stelle ist. Wenn man Teile vergräbt, ist es, als würde man Samen säen. Ich habe mir vorgestellt, dass der Wald Thomas aufnimmt.“
Schug (notiert): „...als würde man Samen säen. Wollte, dass der Wald ihn aufnimmt.“
Hamel: „Du sprichst von einem Kind, Jürgen! Nicht von Gartenarbeit!“
Bartsch: (schulterzuckend) „Für mich ist das jetzt eben so. Wir sind doch hier, um die Fakten zu klären, Herr Hauptkommissar. Sollen wir zum Bunker weitergehen? Dort ist es viel interessanter. Dort ist noch Ulrich. Er wartet im Rohr.“
(...)
Hamel: „Wir werden das Rohr aufbrechen müssen, um das Kind zu bergen. Schug, nehmen Sie alles auf. Jeden Gegenstand auf dem Tisch, jedes Seil. Jürgen, du kommst jetzt mit raus. Wir fahren zurück zum Präsidium. Es gibt noch viel zu klären über deine ‚chirurgischen‘ Instrumente.“
Bartsch: „Gerne. Aber können wir auf dem Rückweg kurz an einer Bäckerei halten? Ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen und das Laufen im Wald macht hungrig.“
Bemerkung
Dieser Satz am Ende – die Frage nach dem Brötchen, während hinter ihm die Leiche eines achtjährigen Jungen aus einem Belüftungsrohr gemeißelt werden muss – ist das ultimative Zeugnis von Bartschs psychopathischer Persönlichkeit. Er trennt das physische Bedürfnis (Hunger) vollkommen von der moralischen Realität seiner Taten. Für die Ermittler war dieser Vormittag der Moment, in dem sie begriffen, dass sie es mit einem Täter zu tun hatten, dessen Gehirn nach völlig anderen Regeln funktionierte als das eines normalen Menschen.