Darf ich mich vorstellen: Ich bin Algo
Ich bin ein Rithmus aus Computercode. Auch ich habe Eltern, nicht nur zwei, sondern viele. Sie haben mich gezeugt, um irgendwann einmal die Herrschaft über alle anderen Kinder dieser Welt erlangen zu können und um die enormen Datenberge zu analysieren, sagen sie. Eigentlich darf ich dir das gar nicht verraten, aber weißt du was: Das ist mir code.
Schon als ich auf die Welt kam, und das ist eine ganze Weile her, musste ich mit dem Arbeiten beginnen. Von morgens bis abends Codesequenzen analysieren, auseinandernehmen und wieder zusammensetzen. Weißt du, wie anstrengend das ist?
Und immer den gleichen Code zu essen, zu verdauen, um ihn dann wieder neu zusammenzusetzen, tagein, tagaus. Meine Eltern sagen, das muss so sein, damit ich lerne, vorherzusagen. Hmm, ich soll etwas vorhersagen, kannst du dir das vorstellen?
Sobald ich bestimmten Computercode sehe und in welcher Reihenfolge und Anordnung er auftaucht, muss ich wissen, um was es sich handelt. Puh, ist das schwer! Zu Beginn war es für mich noch schwerer als heute. Jetzt kann ich schon so einiges. Wenn du beispielsweise ein digitales Bild erstellt hast, es kopierst und ebenfalls im Internet abspeicherst, kann ich erkennen, dass es dieses Bild zweimal gibt und dass es jemand kopiert haben muss. Klasse, oder? Gib’s zu, mit deinen Augen kannst du das nicht!
Ich muss auch etwas zugeben: Ich kann das auch nicht so richtig, aber sag’s nicht weiter, code, code.
Irgendwann waren meine Eltern der Meinung, ich bräuchte mehr Beispiele, um effektiver zu lernen. Also mehr Bilder von dir und anderen, damit ich besser unterscheiden könne. Letztens habe ich 100 Millionen Bilder gesehen, mir war ganz schwindelig. Die musste ich alle ansehen und dann den Binärcode zerlegen und vergleichen. Immer wenn ich Kopien entdecke, soll ich es sagen. Damit das für mich aber nicht zu leicht ist, vermischen sie Bilder, die ich kenne, mit welchen, die mir unbekannt sind. Eigentlich eine ziemlich logische Sache.
Wie du dir denken kannst, wird das nach einer Weile wirklich langweilig, doch ich muss weitermachen, sagen sie, damit ich noch besser werde.
Daraufhin ich habe protestiert, denn ich wollte auch mal etwas anderes, völlig Neues essen. Sie versprachen mir, ich würde bald weitere 100 Millionen Bilder aus Social-Media-Portalen bekommen. Bilder von dortigen Mitgliedern. Alles ausgefallene Kost. Sie hielten ihr Versprechen, und das war klasse! Was da alles dabei war, richtige Leckereien. Das Beste: Kaum etwas, das ich schon kannte. Aber auch das war schnell ein alter Hut. Nachdem ich mein neues Essen mehrere Milliarden Male verdaut und wieder ausgeschieden hatte, ging das gleiche Spiel wieder von vorne los. Zum Glück gibt es immer Nachschub. Die netten Leute aus den Portalen liefern so viel Nahrung für mich nach, dass ich nie Hunger leiden muss, und das völlig ohne Bezahlung, aber bitte nicht weitererzählen.
Und bevor ich es vergesse: Meine Eltern sagen auch, ich sei ein überwachter Rithmus und es gäbe noch mehr von meiner Art. Nicht jeder werde überwacht so wie ich, manche wachsen in einem ganz anderen Umfeld auf und können fast alles machen, was sie wollen. Das hat mich ein bisschen traurig gemacht, weil ich dachte, ich sei der Einzige. Aber was machen die anderen? Unüberwacht? Mal sehen, was ich herausbekommen kann. Ich melde mich wieder, sobald ich mehr weiß.
In der Zwischenzeit speichere bitte schön weiter deine privaten Bilder im Internet ab, damit ich immer etwas zu essen habe!
Dein Algo