Die Luft in meinem Schlafzimmer ist zum Schneiden dick. Der süßliche Gestank verwelkter Blumen breitet sich aus wie der stumme Vorbote eines Abschieds, den niemand wahrhaben will. Der schleichende Atem des Verfalls setzt sich in meiner Lunge fest und treibt mir Tränen in die Augen. Ich schluchze und ziehe die weiche Bettdecke bis zum Kinn hoch, verkrieche mich in der wohligen Wärme unter den Daunenfedern.
Schatten tanzen an den Wänden. Fasziniert beobachte ich sie. Sie bilden Muster. Eines sieht wie ein verzerrtes Gesicht aus, das mich aus toten Augen anstarrt. Den Mund zu einem hämischen Grinsen verzogen. Ich weiß, dass das Lichterspiel von der Laterne draußen kommt, deren Schein durch die Lamellen der Jalousie schimmert. Dennoch wirkt es wie ein Zeichen aus einer anderen Welt.
Ich schaue auf die Uhr. Es ist fast Mitternacht und Noah ist noch immer nicht Zuhause. Er denkt wohl, er kann mich an der Nase herumführen. »Die Rechnung hast du ohne mich gemacht«, murmle ich beleidigt in den schweren Stoff der Bettdecke und verziehe das Gesicht. Meine Stimme ist nicht lauter als ein Flüstern. In diesem Moment fühle ich mich wie ein kleines Kind, das kein Lust hat, sein Zimmer aufzuräumen.
Schon vor Wochen waren die ersten Anzeichen erkennbar. Ich habe dieses schleichende Unbehagen gespürt, das sich in meinem Magen wie ein eisiger Klumpen festsetzte. Seine Berührungen sind vorsichtiger geworden. Seine Küsse halbherzig, verloren stetig an Leidenschaft. Er versprach mir Dinge, die ich mir immer erträumt habe, erzählte, ich sei die Einzige für ihn. Sagte, wie sehr er mich begehrt. Seine Worten waren wie Honig. Aber seine Augen…Sie sind so undurchsichtig wie die gefrorene Oberfläche eines toten Sees. Das schwarze Wasser darunter dick wie Sirup und tief wie eine unbezwingbare Schlucht. Er wollte mich verwirren, zog an Fäden, die mich zu seiner Marionette gemacht haben. Warum sollte ich auch nur eines seiner falschen Worte glauben?
In der letzten Nacht habe ich die Wahrheit herausgefunden. Es waren keine üblichen Hinweise, die mich auf die richtige Spur brachten. Es gab keine Noten fremden Parfüms an seiner Kleidung, keine Lippenstiftreste am Hemdkragen, keine ungewöhnlichen Kontobewegungen oder hohe Hotelrechnungen. Keine verschwommenen Pop-up-Nachrichten auf dem gesperrten Handy. Nein. Es war um einiges schlimmer. Ich fand etwas, das sehr viel tiefer geht. Etwas Altes, Beständiges. Etwas, wovon ich nie geglaubt habe, dass es existiert.
Das Haus gehört Noah seit vielen Jahren. Er hat es gekauft, als der Immobilienmarkt am Boden war und Eigenheime für einen Spottpreis verscherbelt wurden. Das Haus hat zwei Stockwerke mit guter Raumaufteilung und einen Dachboden. Ich gehe eigentlich nie dort nach oben. Er weiß das ganz genau. Das Trauma steckt tief in meiner Seele. Doch letzte Nacht musste ich meiner Angst ins Auge blicken. Ich hatte keine Wahl.
Verstohlen schlich ich mich nach oben, nur mit einer alten Taschenlampe bewaffnet. Auf dem Dachboden, wo ein Haufen altes Zeug lagert, das kein Mensch braucht, wovon wir uns dennoch nicht trennen können, entdeckte ich ein Bündel Briefe. Sie waren nicht an mich adressiert, nicht an seine Mutter, Oma oder Schwester. Auch nicht an eine der unzähligen lockeren Bekanntschaften meines Mannes, die ihn durch einige Lebensabschnitte begleitet haben, bevor ich in sein Leben getreten bin. Vor unserer gemeinsamen Zeit. Die Briefe trugen keinen Poststempel. Keine Briefmarke. Sie wurden niemals abgeschickt. Sie alle trugen den Empfängernamen Lydia Richter. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Mir wurde so schlecht, dass ich dachte, mich an Ort und Stelle übergeben zu müssen. Ich weiß, ich hätte das nicht tun dürfen, trotzdem habe ich sie gelesen. Alle. Meine Neugier war einfach zu groß. Manche Schriftstücke waren neueren Datums, die meisten schon älter. Als hätte er sie für sich selbst geschrieben. Die Briefe sind aller selber Natur. Voller schmeichelhafter Worte und denselben leeren Versprechungen. Ich kenne Lydia, kannte sie. Sie ist seit fünf Jahren spurlos verschwunden.
Lydia verschwand in etwa zu der Zeit, als ich Noah kennenlernte. Sie war Kellnerin in dem Lokal, wo ich mir jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit meinen Kaffee hole. Außerdem sind wir zusammen zur Schule gegangen. Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, dass wir Freundinnen waren, aber wir haben uns dennoch gut verstanden. Sie war eine hübsche Frau mit langen schwarzen Haaren. Glatt und seidig, wie aus einer Shampoo-Werbung. Ihre grünen Augen waren immer so strahlend, voller Lebensfreunde. Ich erinnere mich, dass sie dem Traum nachgejagt war, Fuß in der Unterhaltungsbranche zu fassen. Das Rampenlicht war schon immer ihr Ding. Nachdem Lydia so unerwartet wie vom Erdboden verschluckt war, behaupteten böse Zungen, sie sei mit einem großspurigen Liebhaber durchgebrannt, der ihr einen Job in der Filmindustrie beschaffen sollte.
Noah meidet das Bistro, in dem sie gearbeitet hat. Jetzt habe ich eine Ahnung, warum. Die Erkenntnis brennt wie Eiswasser in meinen Adern. Er hat mich nicht nur belogen. Er ist ein Jäger. Ein Jäger, der ganz üblen Sorte. Und ich bin die Beute. Frischfleisch, das ihm bereitwillig ins Netz gegangen ist.
Die letzte Zeile des letzten Briefes hat mir eine Heidenangst eingejagt. Dort stand in Noahs verkrampfter Handschrift: „Du dachtest, du hättest mich in der Hand. Aber schau, wer jetzt lacht.“
Zwei Tage später war Lydia verschwunden und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Nichts ist über ihren wahren Verbleib bekannt. Ich stopfte die Briefe zurück in ihr Versteck, als ich hörte, wie Noah nach Hause kam. Die Autoreifen knirschten auf dem Kies. Der Lichtkegel der Scheinwerfer tanzte durch das kleine Dachfenster. Ich beglückwünschte mich innerlich, die Glühbirne nicht angeschaltet zu haben. Ich musste Stunden da oben gewesen sein.
Ein leises, kratzendes Geräusch von unten reißt mich aus den Gedanken. Ich erstarre. Die alte Standuhr im Flur schlägt einmal, zweimal, dreimal. Ein hohler, metallischer Ton, der nicht zur vollen Stunde passt. Dann kehrt wieder Stille ein. Eine absolute Stille. Der Wind, der eben noch um die Dächer toste, ist verstummt. Selbst das überlaute Summen des kaputten Kühlschranks, das mich sonst immer um den Schlaf bringt, erstirbt. Sicher spielt Noah wieder einen seinen unlustigen Streiche, die er selbst zum Schreien komisch findet.
Genervt schlage ich die Decke zurück und schwinge die Beine aus dem Bett. Die kalte Luft des Zimmers stricht über meine erhitzte Haut. Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen aus und ein eiskalter Schauder läuft mir das Rückgrat hinab. Meine nackten Füße sinken im weichen Teppich ein. Lautlos schleiche ich zur Tür. Sie steht einen Spalt offen. Dahinter herrscht Schwärze. Nachdem meine Augen sich an die herrschende Dunkelheit gewöhnt haben, taste ich mich vorsichtig voran, wage nicht, das Licht einzuschalten. Mein Herz pocht wild in meiner Brust, schlägt viel zu schnell. Die Luft im Flur fühlt sich noch viel kälter an, dabei bin ich mir sicher, die Heizung angelassen zu haben. Und es riecht seltsam. Ein Mix aus verbranntem Holz und feuchter Erde. Die Standuhr tickt, doch ihr Pendel ist erstarrt.
»Woher nimmst du nur die Frechheit«, murmle ich, von plötzlichem Zorn gepackt, während ich die Treppe hinuntersteige, »zu glauben, du könntest mich so behandeln?«
Das Wohnzimmer ist in fahles Mondlicht getaucht, das durch die großen Fenster fällt. Es wirft lange, verzerrte Schatten auf die Möbel. Hier unten riecht es nach kaltem Zigarettenrauch und Noahs billigem Aftershave. Meine Nackenhaare stellen sich auf. Das unheilvolle Gefühl nistet sich tief in mir ein. Ich stehe ganz still und spitze die Ohren, lausche auf jedes Geräusch. Mein Blick schweift durch den Raum. Hier ist etwas gewaltig faul.
Auf dem Couchtisch entdecke ich einen Gegenstand, der dort nicht hingehört. Mein Magen zieht sich krampfhaft zusammen. Galle schießt mir die Kehle hoch. Dort liegt es. Vor mir im matten Mondlicht. Das verloren geglaubte Armband, das ich seit einer Woche vermisse. Auf dem weißen Seidenkissen, das in das samtene Etui gehört, liegt das filigrane Armband gebettet. Es ist roségold und fein gearbeitet. Kleine, fein geschliffene Kristalle sind in die Glieder eingewoben. Bei jeder Bewegung fangen sie das Licht ein und funkeln wie Sterne. Das Schmuckstück zeugt von zeitloser Eleganz. Es ist kein Kunstwerk, das nach Aufmerksamkeit schreit. Ein Symbol seiner Liebe zu mir.
Ich gehe näher heran. Der Schock fährt mir durch die Glieder. Meine Beine werden weich und drohen unter mir nachzugeben. Die Steine sind nicht rosa, wie bei meinem Armband. Sie schimmern lila im Zwielicht.
»Noah, was für ein Spielchen spielst du nur mit mir?«, flüstere ich in den leeren Raum.
Plötzlich durchschneidet ein gehässiges Lachen die Stille. Das glucksendes Geräusch scheint aus der Küche zu kommen. Es klingt nicht nach Noah. Es klingt höher, irgendwie gebrochen, unheimlich.
»Noah?«, rufe ich. Meine Stimme bricht.
Keine Antwort. Nur das Lachen, das zu einem Flüstern wird. Zunächst verstehe ich die Worte nicht. Langsam setze ich mich in Bewegung. Je näher ich der Küchentür komme, die nur angelehnt ist, desto lauter wird das Gemurmel. Die Stimme wispert: »Du dachtest, ich wüsste es nicht. Du dachtest, ich würde im Dunkeln tappen.«
Ich presse mich gegen die Wand, mache mich so flach, wie ich kann. Mein Atem geht in abgehackten Stößen und bildet weiße Wölkchen in der trockenen, kalten Luft. Ich bin wie erstarrt, festgewachsen mit den Mauern dieses Hauses, das mein Zuhause, meine Zuflucht sein sollte.
Im Dämmerlicht hinter der angelehnten Küchentür bewegt sich ein Schatten hin und her. Die Gestalt scheint mich nicht zu bemerken. Ihre Silhouette wirkt nicht ganz menschlich. Noah ist es jedenfalls nicht. Dafür wirken die Gliedmaßen zu schmal, die sich in unmöglichen Winkeln biegen.
»Du dachtest, du könntest mich zum Narren halten«, wispert die Stimme. Erneutes Gelächter. Wüsste ich es nicht besser, würde ich behaupten, dass mehrere Personen in meiner Küche zugange sind.
»Aber jetzt«, flüstert die Stimme gehässig, »Jetzt geht der Witz auf deine Kosten. Schau, mein Süßer, wer jetzt lacht.« Die Gestalt lacht laut und kehlig.
Ein eiskalter Schauder durchfährt mich. Ich sperre mich gegen die Wahrheit und dennoch… Diese Stimme ist mir so vertraut. Ich würde sie unter hunderten wieder erkennen.
»Hallo Naomi, danke für deine Nichthilfe!« Inmitten der Dunkelheit sitzt Lydia am Küchentisch. Ein Schatten unter den Schatten. Noah wohnt schon so lange in diesem Haus. Und sie ist mit ihm geblieben. Ihr Groll steckt in den Wänden, genährt von Noahs Verrat und seiner diabolischen Freude. Jeder spöttische Blick von ihm. Jede Lüge, die er ihr ins Gesicht gespuckt hat, ist tief ins Parkett gesickert. Er glaubt, sie gebrochen zu haben. Er hat geglaubt, sein Geheimnis ist sicher. Mit einem Schlag zerbricht das Gefängnis, in das Noah sie gesteckt hat. Wo hat er sie gefangen gehalten? Im Schuppen im Garten? Auf dem Dachboden? War sie ohnmächtig? Haben wir einen Keller, von dem ich nichts weiß?
Nackte Angst prickelt mein Rückgrat hinauf. Unfähig, mich zu rühren, beobachte ich, wie Lydia die Augen schließt und tief einatmet. Sie steht auf. Ihre Schritte sind federleicht.
Entsetzt schlage ich die Hand vor den Mund. Noah müsste bald nach Hause kommen. Siegesgewiss, wie immer. Doch heute wartet kein dummes Opferlamm auf ihn. Heute wartet die Abrechnung.
Ich muss Hilfe rufen. Panisch drehe ich mich um und renne zur Haustür. Sie ist verschlossen, der Schlüssel ist abgezogen und befindet sich nicht an seinem Platz. Ich hetze die Treppe hinauf, zurück ins Schlafzimmer. Doch auch diese Tür ist verschlossen. Wie von Sinnen rüttle ich am Knauf, doch er gibt nicht nach. Da drinnen gibt es einen Raum, in den ich mich einschließen kann, wo ich sicher bin. Ein Panikraum, getarnt als Wandschrank.
»Oh, mein Gott!« Eiskaltes Entsetzen kriecht in meine Knochen. Der Panikraum! Hat er Lydia dort die ganze Zeit über festgehalten? Der Raum ist versteckt und schalldicht. Ich weiß von seiner Existenz, betreten habe ich ihn nie. Wie lautet der Code?
Ich spähe durch das Schlüsselloch. Im schwachen Licht kann ich Noah sehen. Seine bleiche Haut schimmert im einfallenden Mondlicht. Er liegt nackt im Bett. Seine Augen sind weit aufgerissen. Er stammelt Worte, die klingen wie „Hilf mir“. Seine Stimme ist kratzig und rau.
Hinter mir erklingen dumpfe Schritte. Lydia kommt schlurfend die Treppe herauf. Eine eisige Kälte legt sich um mich wie ein Mantel, als Lydia mir mit einem knochigen Finger auf die Schulter tippt. Auch mit den zerzausten Haaren und abgemagert, wie sie ist, ist sie noch immer eine bildschöne Erscheinung. Das verdreckte Kleid, das sie trägt, hängt ihr unförmig am Leib. Die Rippen stechen spitz durch den kaputten Stoff.
»Du hast es nicht gewusst. Tut mir leid, dass du das, was jetzt kommt, mitansehen musst.« Ihre Stimme klingt fast sanft.
Bevor ich etwas erwidern kann, stößt Lydia die Tür mit einem kräftigen Tritt auf. Noah gibt ein quiekendes Geräusch von sich. Er weicht zurück, soweit seine Fesseln es erlauben. Sein Augen sind schreckgeweitet. Er schreit hysterisch, als er Lydias eisernen, entschlossenen Blick auf sich ruhen sieht. Er möchte etwas sagen, doch die Worte ersterben in seiner Kehle. Ich beobachte wie die Fesseln sich immer weiter zusammenziehen, je mehr Noah sich bewegt. Er zappelt wie ein Fisch, der auf dem Trockenen liegt. Rußgeschwärztes Garn zieht sich um seinen Hals zusammen, schneidet in das weiche Fleisch und drückt Noah die Luft ab. Blut tritt aus der Wunde hervor. Ein dünnes Rinnsal fließt hinab und sammelt sich in seiner Halskuhle. Seine Augen treten aus ihren Höhlen, werden ganz groß und glasig. Rote Adern ziehen durch das Weiß. Die Pupillen werden ganz groß.
»Du dachtest falsch, Liebling. Schau, wer jetzt lacht.« Lydias kalte Stimme legt sich wie ein Leichentuch um den Gefesselten. Noah kann nur tatenlos zusehen, wie die Essenz dessen, was er zerstört hat, nun ihn zerstört. Ein breites, lüsternes Grinsen legt sich auf Lydias Lippen. Hass, der aus jahrelanger Gefangenschaft geboren ist. Ich möchte mir nicht ausmalen, was die verstörte Frau erleiden musste. Plötzlich knackt es. Noahs Bewegungen verstummen. Die Zunge hängt aus seinem Mund. Er verharrt reglos.
»Du solltest gehen«, sagt Lydia. Ihr harter, ausdrucksloser Blick wird weich. »Fang neu an. Das tue ich auch.« Mit diesen Worten verschwindet die Frau aus meinem Haus, meinem Leben. Die Frau, die fünf Jahre lang verschwunden war. Verschleppt und eingesperrt von meinem Mann. Mein Mann, der nicht mehr am Leben ist.