Der warme Asphalt dampft in der Kälte wie nach einem frischen Regenguss. In der Luft liegt ein fauliger, süßlicher Geruch, der aus den Abwasserkanälen aufsteigt. Von dem Gestank schwinden mir die Sinne.
In den dunklen Hauseingängen drücken sich zwielichtige Gestalten herum. Ich stehe da, an dieser belebten Kreuzung. Umgeben von Schatten, die sich Menschen nennen. Sie taumeln zwischen Autos hindurch. Manche starren mit glasigen Augen vor sich auf die Straße. Andere lassen lethargisch die Köpfe hängen. Ihre graue Haut schimmert im Licht der Laternen. Aus den offenen Mündern dringt kehliges Stöhnen. Es vermischt sich mit dem fernen Geheul von Sirenen. Die Gestalten klammern sich an ihre Existenz, wie an einen Anker in einem Meer aus Leere.
»Kaum bin ich zurück, kommt ihr aus euren Löchern gekrochen«, murmele ich in die feuchte Nacht. Mein Schädel dröhnt, als würde ein Presslufthammer darin wüten. Das dumpfe Pochen hat einen eigenen Rhythmus entwickelt und zermalmt jede Erinnerung an die letzten Tage. Ich kann mich nicht erinnern, wann die Stadt genau zerfallen ist. Vor zwei Tagen? Drei Wochen? Die Zeit hat sich irgendwie aufgelöst.
Ein fahler Blitz der Selbsterkenntnis durchzuckt mich. Vielleicht bin ich ein bisschen verrückt. Mein ganzes Leben fühlt sich an wie eine endlose, groteske Farce. In Anbetracht der Umstände wirkt meine Verrücktheit jedoch fast vernünftig. Wenn ich bedenke, dass die Toten aus ihren Häusern kriechen, wie Maden aus verfaultem Obst.
Die Menschen um mich herum werden unruhig. Ihre Blicke huschen über die Hausfassaden. Einer von ihnen rennt los, direkt auf eine Hauswand zu. Mit voller Wucht prallt der Typ gegen die rohe Backsteinwand. Der dumpfe, fleischige Schlag und das hässliche Knacken der brechenden Knochen lockt weitere Kreaturen an. Der Kerl geht zu Boden, wie ein nasser Sack. Gierig stürzt sich die Meute auf den reglosen Körper. Er verschwindet unter dem Gewirr aus Gliedmaßen und hungrigen Mäulern. Ein Bündel aus menschlichem Fleisch und zerfetzten Klamotten. Blaulicht höre ich nicht mehr. Keine Uniformen. Keine groben Hände, die das unersättliche Rudel trennen.
Totenstille und pure Einsamkeit umgeben mich. Keine Gefühle rühren sich in mir. Die kahlen Wände meiner Wohnung erdrücken mich. Draußen stirbt die Stadt. Schatten wandern vor den Fenstern vorbei. Manchmal kratzen sie über die Scheibe und stöhnen. Ich fühle mich leerer, als dieses Haus. »Verdammt!« Nichts kann diese Leere füllen. Es ist wie ein Fluch, der mich von Geburt an begleitet. Ich bin keine Zauberin, die magische Schätze bewacht. Mein Erbe ist Wut. Fluchen, schreien, um mich schlagen. Alles und jeden verdammen und zum Teufel jagen. Ich kann die verfluchtesten Flüche vom verfluchten Himmel fluchen. Das hat mir schon so manche Nacht im Kleinstadtkitchen beschert.
»FUCK!« Jetzt ist niemand mehr da, der mich dafür maßregeln kann. Die Stadt hat ihre Gefängnismauern verloren.
In der dritten Nacht höre ich sie. Sie sind ganz nah. Ihre Stimmen hallen durch das Treppenhaus. Scharf und vertraut. »Du laberst den ganzen Tag blödes Zeug, Mann. Oh, wie dumm. Du hast keine Ahnung, Blödmann.«
Ich erstarre. Sie sind es. Wie konnten diese Idioten die Invasion überleben? Die Nachbarn aus dem Erdgeschoss, die mich früher mit ihren Bemerkungen zur Weißglut getrieben haben.
»Fahrt zur Hölle, ihr Spinner, und nehmt die anderen Vollpfosten gleich mit! Ich hoffe eure verwesenden Kniegelenke verrotten im Sprint!« Ich habe sie nicht gesehen und nicht gehört, seit das ganze hier angefangen hat. Jetzt stehen sie im Flur. Wenige Meter vor meiner Tür. Angespannt spähe ich durch den Türspion. Ihre Gesichter sind blutverschmiert. Ein Stück Haut hängt von der Wange der blöden Zicke herab und entblößt ihre Kauleiste. Ihre Augen sind milchig und irgendwie…tot. Trotzdem erkenne ich dieses selbstgefällige Grinsen auf Anhieb. Die Zähne sind Schwarz. Undefinierbare Fetzen hängen darin. Etwas Kaltes durchströmt meine Adern. Mein Herz wird schwer und fühlt sich trotzdem leicht an. Verdammter Mist, das gibt es nicht. X, mein alter Ego, kehrt zurück.
Draußen heben die verdammten Bestien ihre faulenden Köpfe. Das Stöhnen und Seufzen geht mir langsam auf den Keks. Haben die nicht mehr Geräusche in ihrem Inventar?
Hinter ihnen krauchen weitere Gestalten durch den Hausflur. Nachbarn. Fremde. Tote, die sich am Geländer entlangziehen und die Treppen hochstolpern.
Der Mond scheint durch das Fenster wie ein blutendes Augen. Die verkümmerten Finger der Rotte streichen von außen über die Tür. Dieses kratzende Geräusch klingt ekelhaft.
»Heute Nacht gibt’s Tote unter Toten, wenn ihr Aasgeier auch nur einen Schritt näher kommt!«, fluche ich. Scheinbar einen Tick zu laut. Meine verkorkste Nachbarin klopft gegen die Tür.
»Ich wünsche dir, dass du an einem Gehirn erstickst, dass klüger ist, als du es jemals warst!«
Das Schloss gibt nach.
»Ich mach dich alle.«
»Schonmal was von Privatsphäre gehört? Anklopfen haben wir im Grab wohl vergessen, was?« Ich renne nicht. Ich trete zurück und empfange die Horde mit einer netten Begrüßung. »Ich hoffe, eure morschen Beißerchen brechen beim ersten Bissen.«
Die Zombies stolpern über die Türschwelle. Sie fallen übereinander, was unendlich witzig aussieht. Wie tollpatschige Riesenbabys, die über ihre eigenen Füße stolpern. Ihre fauligen Hände greifen nach mir. Der bestialische Gestank der Biester erfüllt den Raum. Feuchte Erde und verfaultes Fleisch. Ich weiche den Angriffen aus und locke das wandelnde Gammelfleisch in den Flur. Durch die zugefallene Haustür kann ich mehr dieser Kreaturen umhertaumeln sehen. Die halb offene Wohnungstür gegenüber scheint die beste Option. Sie führt in tiefe Dunkelheit. Meine verhasste Nachbarin wankt als erste hinein.
»Du wolltest doch jedes Mal meine Gesellschaft erzwingen.« Hinter der Tür wartet kein Mensch. Mein Mut sinkt auf Grundeis. Aber meine große Klappe leistet nach wie vor hervorragende Arbeit. »Dein Zombie-Hirn ist so unauffindbar, wie deine Menschenlogik. Ich hoffe, dir bleibt beim Popeln der Zeigefinger im Schädel stecken.«
In den Schatten der Nachbarwohnung bewegt sich etwas Großes. Ein fleischiger Körper, der bis zur Decke ragt. Die Proportionen stimmen nicht. Die Arme des Viehs sind viel zu lang und Zähne hängen im Gesicht, ohne Mund. Dafür hat das Ding eine riesige, glitschige Zunge, von der Blut tropft. Es stinkt abartig. Der Kadaver-Kumpel packt meine abscheuliche Nachbarin. Und zum ersten Mal verschwindet das spöttische Grinsen aus ihrer verrottenden Fratze. Ich wusste nicht, dass die Gammel-Guste so laut schreien kann. Mir platzt beinahe das Trommelfell. Ich presse die Hände fest auf meine Ohren.
Schon kommen die anderen Fäulnis-Furien angeflitzt. Eine interessante Beobachtung. Sie alle stürzen in die dunkle Wohnung, wo der fleischige Kadaver-Kumpel wartet. Was für ein Koloss! Minutenlang höre ich nur das Krachen von Holz, als die Einrichtung in die ewigen Jagdgründe eingeht, und das Reißen von fadenscheinigem Stoff. Brüllen, Stöhnen und Ächzen. Knochen knacken und eklige Substanzen wechseln den Besitzer. Dann ist es plötzlich still. Ich bleibe allein im Flur zurück.
Die Stille ist dicker als gewöhnlich. Irgendwie beängstigend. Angeekelt schüttle ich mich. Die Überreste meiner letzten Gäste sind zu einem stinkenden Einheitsbrei vermatscht. »Tja, wer zuletzt lacht, hat am längsten Gehirn. Beim nächsten Mal, lade ich nettere Gäste ein. Was sagt ihr dazu, Hohlschädel?«
Niemand antwortet mir. Ich habe nichts anderes erwartet. Eigentlich ist mein neuer, alter, infizierter Nachbar ja ganz cool. Er hat sich nie über zu laute Musik beschwert. Aber mal ganz unter uns, näher kennenlernen möchte ich ihn trotzdem nicht.
»Haha, ihr habt mich nicht gekriegt, Schwachmaten!« Ich werfe einen letzten Blick auf das Gemetzel und gehe zurück in meine Wohnung. Lebendig kriegen sie mich niemals.
Mein verseuchter Nachbar starrt mich plötzlich aus seinen milchigen Augen an. Den Kopf in einem ungesunden Winkel geneigt, der bei einem lebenden Menschen ziemlich fatal wäre.
Kurz erstarre ich, dann stammle ich einen Gruß zum Abschied. Einfach, weil ich nicht anders kann. Mein Fluch, schon vergessen?! »Herr Krause, wie ich sehe, hat sich der Beitrag fürs Fitnessstudio echt ausgezahlt. Ich wollte mich gar nicht über den Lärm beschweren. Die kaputte Tür ist voll okay. Haben Sie zufällig mein Paket angenommen? Sagen Sie nicht, Sie haben auf die Kaffeebohnen gesabbert, Herr Krause. Die sind vom Umtausch ausgeschlossen!« Und schwupps, setze ich mich in Bewegung, bevor der fiese Fleischklops mich fressen kann.
Leider bin ich nicht die Einzige. Aus dem Obergeschoss kommt ein Kadaver geprescht. Ich trete dem Hohlschädel gegen die Brust. Es knackt trocken. Mein Gegner stolpert rückwärts über die eigenen Füßen und landet stöhnend auf dem Hintern.
Ich stürme zu meiner Wohnung reiße die verdammte Tür auf. Bevor weitere Hände nach mir greifen können, schlage ich sie zu. Das Schloss ist im Arsch und der bescheuerte Riegel, den ich sonst nie benutze, bewegt sich keinen Millimeter.
»So ein verblödeter Mist!« Draußen kracht ein Körper gegen das Holz. »O Mann, nö, verdammt nochmal, nicht schon wieder!« Die Tür bebt in ihren Angeln. Ich reiße am Riegel herum und stemme mich mit aller Kraft gegen die verdammte Tür. Der Riegel muss sich verkeilt haben. Wie besessen hämmere ich auf das verdammte Teil ein. Noch ein Stoß von draußen.
»Komm schon, du dämliches Metallteil!« Es klappert und endlich kann ich den Riegel vorschieben. Schwer atmend lehne ich mich mit dem Rücken gegen die Tür und sinke herab. »Das kann ja noch heiter werden.«
Ich lehne an der kalten Wand meines Wohnzimmers. Hurra, die Heizung ist ausgefallen, und dieses Mal gibt es keinen nachlässigen Vermieter, bei dem ich mich beschweren kann. Dieses verdammte Haus ist nur noch ein leeres Gehäuse mit blinden Fenstern und kahlen Wänden. Der Putz bröckelt von der Decke. Warum ist mir das vorher nie aufgefallen?
Draußen bewegt sich der Knabber-Trupp durch die Straßen. Ihre Schritten scharren über den Asphalt. Manche schlagen neugierig gegen Fenster und Türen. »Klopf, klopf. Jemand zu Hause? Lass mich rein, ich möchte nur kurz von deinem saftigen Fleisch kosten.«
Etwas bewegt sich unter dem Fußboden. Ich wusste schon beim Einzug, dass Erdgeschoss scheiße ist. Auch wenn man nur einige wenige Treppenstufen hochgehen muss. Ich höre ein Kratzen unter mir. Dann noch eins. Langsam drehe ich den Kopf. Zwischen den Dielen quillt schwarze, feuchte Erde hervor. Sie schiebt sich aus den Ritzen und verpestet die Luft in meiner Wohnung. Dieser Gestank ist kaum zu ertragen. Aus dem Spalt, der stetig größer wird, dringt ein Flüstern. »Ich fühle mich leerer, als dieses Haus. Verdammt!«
»Das hab ich nicht gesagt!«, protestiere ich. »Also, ich habe es gesagt. Aber das da, das bin doch nicht ich, verdammt nochmal! Verliere ich jetzt komplett den Verstand?«
Der Riss wird größer. Die Wände knacken. Die Risse verzweigen sich wie Adern.
»So ein Mist«, flüstere ich. Ein trockener Hustenanfall schüttelt mich. Etwas bricht in meiner Brust, löst sich einfach auf wie Rauch im Wind. Ich sehe auf meine Hände. Unter der Haut bewegen sich dunkle Schatten. Und plötzlich versinkt meine Welt in Schwärze.
Als ich die Augen wieder öffne, ist es still. Die Stille ist anders, als vorher. Jegliche Geräusche sind verstummt. Ich liege auf dem Boden. Meine Finger sind schwarz. Meine Haut spannt über den Knochen. Bei jedem Atemzug rasselt es in meiner Brust. Atme ich überhaupt? Fühlt sich komisch an. Irgendwo vor der Tür stöhnen die Toten. Es klingt, als würden sie meinen Namen rufen. Ich schreie. Doch nichts passiert. Aus meiner Kehle dringt nur ein Geräusch, das wie heiseres Wimmern klingt.
Die Tür öffnet sich wie von Zauberhand. Die massige Gestalt von Herrn Krause füllt den Rahmen aus. Er bringt den Gestank von Moder und kaltem Fleisch mit. Entgegen meiner Erwartung ekelt der Geruch mich nicht. Im Gegenteil. Ich habe Hunger, so unglaublich großen, unendlichen Hunger. Ich könnte ein ganzes Spanferkel verdrücken. Ich fühle mich so ausgehungert, als ich hätte ich tagelang nichts gegessen.
Taumelnd komme ich auf die Beine. Herr Krause wartet geduldig. Die Welt hängt schief. Oder ist das mein Kopf? Mit beiden Händen rücke ich ihn zurecht. Es knackt und die Welt ist wieder gerade. Herr Krause tritt beiseite. Hinter ihm weichen die Verseuchten zurück, als würden sie mir Platz machen. Was ist hier los?
Unter uns pulsiert die Erde. Ich trete über die Schwelle. Die Fäulnis-Fraktion folgt mir. Gemeinsam verlassen wir das Haus und treten auf die Straße hinaus. An der Kreuzung bleibe ich stehen. Aus meiner Kehle dringt ein heiseres Knurren. »Heute Nacht gibt’s Tote. Ich habe riesigen Hunger. Wo geht es zum Buffet?«
Herr Krause hebt den Kopf und deutet in eine Richtung auf der anderen Straßenseite. Ich grinse. Zumindest bewegt sich etwas in meinem Gesicht. »Perfekt.«
Gemeinsam setzen wir uns in Bewegung. Hinter uns erlischt das letzte Licht der Zivilisation. In den kahlen Wänden meines ehemaligen Zuhauses bleibt nur ein unhörbares Flüstern zurück: »FUCK!«