Direkt zum Inhalt
Die Community für Leser




Von unsichtbaren Fesseln

Es gibt Fesseln, die niemand sieht.
Sie klirren nicht, sie schneiden nicht offen ins Fleisch.
Aber sie halten dich dennoch.
Wie eine unsichtbare Hand an deinem Rücken,
die dich sanft, aber bestimmt vom Leben fernhält.
Du lächelst. Du funktionierst.
Du redest über Belangloses,
über das Wetter, über andere – nie über dich.
Denn tief in dir weißt du,
dass jede Ehrlichkeit ein Erdbeben auslösen könnte.
Und du fürchtest die Erschütterung mehr als die Kälte deiner Masken.
Die Fesseln heißen nicht Eisen.
Sie heißen: Du bist zu empfindlich.
Stell dich nicht so an. Sei brav.
Mach keinen Ärger. Vergiss es einfach
Und du hast sie dir selbst immer wieder angelegt,
weil es sicherer schien, still zu bleiben.
Doch irgendwann kommt der Moment,
an dem dein Innerstes zu laut wird für dein Schweigen.
Ein Blick in den Spiegel – nicht auf dein Gesicht,
sondern auf das, was fehlt.
Ein Flüstern in dir: Das bist nicht du.
Du warst nie dafür gemacht, nur zu überleben.
Und so fängst du an.
Nicht mit einem großen Knall, sondern mit kleinen Bewegungen.
Du erlaubst dir, zu fühlen.
Du erlaubst dir, wütend zu sein.
Du erlaubst dir, traurig zu sein über das, was dir genommen wurde,
über das, was nie sein durfte.
Du sprichst.
Erst stockend, dann mit festerer Stimme.
Du sagst Dinge, die du dir selbst nie zugetraut hast.
Und du wirst nicht zerstört davon.
Du wirst – langsam – ganz.
Manche Fesseln lösen sich nicht auf einmal.
Sie bröckeln.
Sie lassen nach.
Und du gehst weiter, auch wenn es weh tut.
Du wirst mutiger.
Ehrlicher.
Freier.
Und eines Tages wachst du auf und spürst: Du musst dich nicht mehr klein machen.
Nicht mehr entschuldigen für dein Sein.
Du musst dich nicht mehr zusammenhalten für andere.
Du darfst da sein.
Laut oder leise.
Gebrochen und dennoch ganz.
Und das ist vielleicht das wahre Happy-End: Nicht die Rückkehr zu einem Märchen, sondern das Ankommen in dir selbst.

Autor

2
0
0
0
0