Dicht dran ... Am Krieg und am Frieden.
Wann bin ich dem Frieden näher? Wenn ich schweige, etwa um des lieben Frieden Willens, den Scheinfrieden wahre oder gegen eine Zerstörung der Gemeinschaft, der Natur und des Individuums kämpfe?
Als Schriftstellerin führe ich einen Krieg, wenn auch mit bescheidenen Mitteln, der Feder. Sprache schafft Wirklichkeit. Auch verbale Möglichkeiten, mich zu Wort und zur Wehr zu setzen können eine Waffe sein. Denn auch Worte können verletzen, können wie Pfeile sein, mitten ins Herz. Treffen.
Papier ist geduldig. Auf dem Schlachtfeld der Silben blieb so manches Herz gebrochen zurück. In meinen wildesten Zeiten muss ich eine Verbalterroristin gewesen sein: täglich neue Anschläge, immer mitten ins Herz.
Damals kam gerade die Kugelkopfschreibmaschine auf. Das Hämmern bis in die tiefe Nacht raubte manchem Hausbewohner den Schlaf.
Das entsprang dem Vulkan meiner verletzten Seele. Treffsichere Sätze gegen Feinde, selbst wenn es Seelenverwandte waren. Ein Krieg, der chronisch zu werden drohte.
Die Feder im Anschlag, ein Sarkasmusgemisch in westlicher Wildnis.
Einmal gelang es mir, in eine andere Welt zu entkommen. Es sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Chaos.
„Nehmen Sie Platz, falls Sie einen finden!“ sagte die Gastgeberin. Ich fegte mit einer Handbewegung Revolverblätter weg. Meine Augen blieben an einem verstaubten Plakat von einem lange zurück liegenden Blutspendetermin hängen, wollten flüchten, aber meine Blicke glitten ins Leere, blieben schließlich an dieser Leere, Patronenhülsen und Verzettelungen haften.
„Wir sind den Krieg gewohnt!“ sagte sie, womit sie sicher das Hamstern und Lagern in hungrigen kargen Zeiten meinte. Das Sammeln und Suchen, um zu überleben. War ihr bewusst, wie makaber ihr Satz war?
Kann man sich an den Krieg gewöhnen, fragte ich mich und antwortete mir selbst in Gedanken: “Ich befürchte, ja!“.
Kalter Krieg im Alltag, im alltäglichen Allerlei und Einerlei, der uns schon lange nicht mehr bewusst ist. Machtkämpfe. Sage „Krieg“, sage „Frieden“ und jeder denkt an etwas anderes.
Bombenstimmung die einen, zündende Ideen die anderen. Zerstörung die Nächsten. Und manche Seele stirbt an gebrochenem Herzen, einem Krieg, der sublim abläuft, ohne verräterische Spuren zu hinterlassen. Oder nur bei genauem Hinsehen. Ich sehe genauer hin und denke: nur wer liebesfähig ist, ist fähig zum Frieden, zum Miteinander, Grenzen und Mauern zu überwinden, auch Schweigemauern, Mauern des Schweigens, hinter denen Entsetzliches abläuft.
Einmal hatte ich einen wesentlich älteren Freund, dessen Vater Hitlergetreuer war. Sein Vater bereute diese Gefolgschaft später sehr, aber da war es zu spät. Er hatte alles verloren, sein Elternhaus, seine Heimat und sein Leben.
Istvan hatte im Untergrund zusammen mit anderen Studenten eine Hetzschrift gegen Adolf Hitler herausgegeben und kämpfte darin für die Rechte von Kleinbauern, gegen Enteignung deren Grund und Boden, Heimat- und Vaterland. Er wurde inhaftiert und kam in ein KZ. Ich fragte ihn, wie er überlebt hatte und er erzählte mir:“Immer, wenn ich aus dem vergitterten Fenster meines Kerkers hinaus schaute und meine Blicke von Jahr zu Jahr immer zur gleichen Jahreszeit an einen blühenden Jasminbaum hängen blieben, wusste ich, dass ich frei kommen würde.“
Er emigrierte nach Washington D.C. Er sagte:“Das schlimmste war, dass ich meine Gesinnung nie zeigen, mich immer verstellen musste, ein Fremder unter Freunden blieb“, auch ohne Krieg.